Wärme

Eine bundesdeutsche Einmaligkeit

Nachhaltigkeits-Quartier „Lagarde“ in Bamberg bald bezugsreif

Dienstag, 09.08.2022

Ende des Jahres sollen die ersten Möbelwagen vorfahren: Auf einem 20 ha großen Gelände im Bamberger Osten.

Das Bild zeigt die Abwasser-Wärmeübertrager.
Quelle: Stadtwerke Bamberg
Die Installation der Abwasser-Wärmeübertrager: Das kalte Netz als Energiequelle für die dezentralen Wärmepumpen in den Neubauten temperiert sich ausschließlich mit Geothermie und Abwasserwärme.

Dort entsteht ein neues Stadtviertel mit bezahlbarem Wohnraum für etwa 2.400 Menschen, Flächen für Gewerbe, Dienstleistungen, Kultur und soziale Einrichtungen. Und mit einem nachhaltigen Wärmekonzept. Die Stadtwerke Bamberg kümmern sich darum, dass eines der größten innerstädtischen Infrastrukturprojekte Deutschlands umweltfreundlich und zukunftsfähig versorgt wird.

Bis ins Jahr 2014 war die Lagarde-Kaserne Teil des 450 ha großen US-Army-Standorts in Bamberg und Heimat für tausende amerikanische Soldaten und ihre Familien. Dann zogen Truppen und Entourage ab. Schon zwei, drei Jahre vor der Schließung hatte die Stadt indes begonnen, Pläne für die Konversion der Fläche zu zeichnen.

Das Aus als Garnisonsstadt in 2014 hatten ihr die US-amerikanischen Streitkräfte frühzeitig mitgeteilt und damit Planungszeit eingeräumt. Mit der Bundesanstalt für Immobilienangelegenheiten (BImA) als Eigentümerin des Geländes bestand Einigkeit über den Ankauf und die damit verknüpften Bedingungen, etwa frei von Altlasten. Die BImA machte sich ans Aufräumen, der Denkmalschutz markierte die zu erhaltenden Objekte und 2017 wechselte die riesige Liegenschaft in das Eigentum der oberfränkischen Metropole.

Wärme aus Vor-Ort-Quellen

Im Rahmen der Umbauarbeiten erhielten die STWB Stadtwerke Bamberg GmbH den Auftrag, ein Strom- und Wärmekonzept auf Quartiersebene mit Alt- und Neubauten, Wohnhäusern, Bürokomplexen, Kulturstätten sowie Dienst- und Gewerbeflächen zu entwerfen. Konkret umfasst die Bebauung 70 Prozent Neubau und 30 Prozent Bestand.

Die Nutzung teilt sich auf in 59 Prozent Wohnen, 34 Prozent Gewerbe und Büro, vier Prozent Handel und drei Prozent Kultur. Die Baustandards reichen von „KfW 40“ bis „EnEV 2016“, plus Altbau, das Temperaturniveau von Nieder- bis Hochtemperatur. Leistungsmäßig muss die Technik in der Lage sein, jährlich etwa 10 GWh für die Heizung und Brauchwarmwasserbereitung, 1 GWh Kühlung und 8 GWh Elektrizität (ohne Wärmepumpen) zur Verfügung zu stellen. Die Energie soll möglichst aus Vor-Ort-Quellen stammen.

Das Bild zeigt das Quartier von oben.
Quelle: Stadtwerke Bamberg
Das Quartier „Lagarde“ in Bamberg – vor der Konversion.

Die Auflagen führten zu einem Schema, das nach Aussage der Verantwortlichen bis dato Einmaligkeitsstatus besitzt und heute so aussieht: Mitten in der Stadt stammen 70 Prozent der benötigten Wärme tatsächlich aus Ressourcen auf dem Gelände.

▪ Oberflächennahe Erdwärme: Flächenkollektoren.
Erdwärme aus unteren Schichten: 55 Erdsonden, die 120 m tief gehen.
▪ Wärme aus dem Haushalts-Abwasser.
▪ Sonnenstrom von den Dächern der Gebäude treiben die Wärmepumpen an.
▪ Tageszeitliche Produktionsschwankungen werden durch ein intelligentes Speichermanagement und ein Blockheizkraftwerk (BHKW) ausgeglichen.
▪ Überschüssige Wärme des Abwassers wird im Sommer zur Regeneration des Erdreichs verwendet, damit es im Winter wieder genutzt werden kann.
▪ Batterien speichern überschüssigen Strom.

Das Bild zeigt die Bauarbeiten.
Quelle: Stadtwerke Bamberg
Die Bauarbeiten am Lagarde-Campus schließen eines der ökologischsten Wärmekonzepte Deutschlands mit ein.

Ein kaltes und ein warmes Netz

Auf dem 19. Forum Wärmepumpe in Berlin im November 2021 ging Stefan Loskarn, Leiter Quartiersentwicklung bei den Stadtwerken Bamberg, auf Details des Energieplans ein. Wärmepumpen in den energieeffizienten Neubauten erhalten von einem kalten Nahwärmenetz als Lieferant Anergie für den Kälte- und Wärmebedarf.

Als Wärmequellen fungieren ein Erdsondenfeld, Abwärme aus Gewerbebetrieben, ein Wärmeübertrager im kommunalen Abwasserkanal und Erdkollektoren: 11.000 m² liegen unter den Gebäuden in Beton eingebettet, 9.000 m² in der Freifläche. Zusammengenommen dürften die Schlangen eines der größten innerstädtischen Geothermiefelder Deutschlands sein.

Natürlich achteten die Planer darauf, dass die Horizontalsonden unterhalb der Sohlplatte der Neubauten nicht als Kühlflächen wirken, indem sie auch den Bauwerken Wärme entziehen – Isolierplatten entkoppeln sie vom Fundamentbeton. Darüber hinaus weist ihnen das Konzept Speicherfunktion zu. Im Sommer etwa beladen die Abwasserkanal-Wärmeübertrager den Puffer und regenerieren so auch dessen Untergrund.

Galerie

  • Die Installation der Abwasser-Wärmeübertrager: Das kalte Netz als Energiequelle für die dezentralen Wärmepumpen in den Neubauten temperiert sich ausschließlich mit Geothermie und Abwasserwärme.
  • Das Quartier „Lagarde“ in Bamberg – vor der Konversion.
  • Die Bauarbeiten am Lagarde-Campus schließen eines der ökologischsten Wärmekonzepte Deutschlands mit ein.
  • Das Schema der Strom- und Wärme-/Kälteversorgung von „Lagarde-West“.
  • Das komplexe Energieschema des Quartiers in der Gesamtübersicht.
  • Das Eingießen des Kollektorfelds unterhalb der Gebäude – der Beton hat auch Speicherfunktion.
Von Bernd Genath
Freier Journalist
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