Erneuerbare Energien

Kälteschein für alle Wärmepumpen-Typen?

Einsatz von Fluor in Kältemitteln in der Diskussion

Freitag, 25.03.2022

PFAS: Lizenz zum Entsorgen. Das dürfte der Kompromiss sein, um einerseits das Klima zu retten und andererseits die Gesundheit zu schützen.

Das Bild zeigt Handwerksutensilien.
Quelle: Adobe Stock

PFAS – die Abkürzung für per- und polyfluorierte Alkylsubstanzen mit F für Fluor – ist eine Verbindung in den üblichen Kältemitteln. Sie steht schon länger im Verdacht, Menschen krank zu machen. Die andauernde Corona-Pandemie verschärft jetzt das Thema. Doch ohne Kältemittel keine Wärmepumpen, ohne Wärmepumpen keine Wärmewende. Wie sollten Branche und Politik darauf reagieren?

Für Thomas Nowak, Generalsekretär des Europäischen Wärmepumpenverbands EHPA, gehören zu einer Befreiung aus dieser Zwangslage kurzfristig eine Verschärfung der Vorschriften für den Umgang mit fluorhaltigen Kältemitteln und langfristig deren Ablösung in erster Linie durch natürliche Fluide – sollte die Chemie nicht etwas ganz Neues entwickeln. Auf dem 19. Forum Wärmepumpe in Berlin Ende November vergangenen Jahres trug der Brüssel-Vertreter der Industrie die im Gespräch befindlichen EU-Absichten vor. Der Umwelt- und Gesundheitsschutz ist auf eine Chemikalie mit dem Kürzel PFAS aufmerksam geworden. Die Buchstabenfolge steht für per- und polyfluorierte Alkylsubstanzen. Das Substrat setzt die Industrie wegen seiner wasser-, fett- und schmutzabweisenden Funktion in vielen Anwendungen ein. So sind Haushaltsartikel oft mit den Alkylen beschichtet genauso wie wasserabweisende Outdoor-Textilien, Teppiche und vieles andere. Der Verbraucher weiß mit der Bezeichnung PFAS allerdings wenig bis nichts anzufangen – dafür aber umso mehr mit „Teflon“ und „Goretex“.

Insgesamt spricht die Literatur von etwa 4.700 verschiedenen Verbindungen dieser Art, von deren Auswirkungen auf Mensch und Umwelt man noch nicht allzu viel weiß. Einiges schon, zum Beispiel kennt man ihre große Beständigkeit und ihre Mobilität. Die PFAS verteilen sich mithilfe des Windes und des Wassers über den ganzen Globus und reichern sich in Flüssen und Seen, in Böden und Lebewesen an. Und es liegen weitgehend gesicherte Erkenntnisse vor, dass Aufkonzentrationen in menschlichen Organen die Wirkung von Impfungen vermindern und die eines Infekts erhöhen oder erhöhen können. Die Ampel-Koalition hat sich dazu bereits gemeldet. Sie will sich wesentlich in die breite Chemikalienstrategie einbringen und hat speziell Einschränkungen von per- und polyfluorierten Chemikalien schon im Programm. Deshalb die verstärkte Unruhe in der Branche. Schlagzeilen, wie „Teflon, das versteckte Gift in Ihrer Bratpfanne“, ziehen weite Kreise.

Das Bild zeigt Herrn Nowak.
Quelle: EHPA
„Sind die Installateure ausreichend geschult, um das Kältemittel in der Recyclingkette zu halten beziehungsweise um es zumindest umweltgerecht zu entsorgen, anstatt es einfach in die Atmosphäre abzublasen“, fragt Thomas Nowak, Generalsekretär des Europäischen Wärmepumpenverbands.

Teflon und R 134a treffen Biontech

Klinische Studien bewerten bis dato das Risiko als nicht sehr hoch. Nur fokussieren die sich auf die üblichen Impfungen gegen Diphterie, Keuchhusten, Tetanus und Influenza. Zu der aktuell spannendsten Frage fehlt noch die Antwort: Beeinflusst die PFAS-Exposition die Schwere einer Covid-19-Erkrankung und die Wirksamkeit von Biontech, Moderna und anderer Vakzine? Das Thema beschäftigt jetzt die Wissenschaft weltweit. Da es wohl noch einige Zeit dauert, bis Ergebnisse vorliegen, beugen die Gesundheits- und Umweltbehörden vor. „Im Sinne einer sicheren Chemie gehören diese Chemikalien auf den Prüfstand“, fordert Dirk Messner, Präsident des Umweltbundesamts. „Die PFAS-Chemie hat für mich wenig Zukunft. Nur Erzeugnisse und Materialien, die etwas für den Gesundheitsschutz leisten, wie etwa medizinische Geräte oder Schutzkleidung für Feuerwehren, sollten die Verbindungen weiter nutzen dürfen.“

Das UBA arbeitet deshalb mit weiteren Behörden aus Deutschland, den Niederlanden, Dänemark, Schweden und Norwegen an einem EU-weiten Verbot der Stoffgruppe beziehungsweise an einem Erlass, der die Verwendung zumindest einschränkt. Nun dürfte nicht der ganze Stamm von 4.700 Varianten gesundheitlich bedenklich sein. Doch mangelt es (noch) an dem Filter, der die harmlosen Moleküle aussortiert. Beziehungsweise das, was heute harmlos ist, kann sich im Lauf der Jahre und Jahrzehnte zu PFAS zersetzen. Deshalb müssen sich auch Klimaanlagen und Wärmepumpen auf eine Begrenzung ihrer Kältemittel vorbereiten. Das F in PFAS steht nun mal für Fluor. Und dieses Element ist ein Hauptbestandteil der FKW-, HFKW- und HFO-Fluide. Fluor ersetzt den Wasserstoff in den FKW vollständig, in den HFKW zum Teil.

Galerie

  • „Sind die Installateure ausreichend geschult, um das Kältemittel in der Recyclingkette zu halten beziehungsweise um es zumindest umweltgerecht zu entsorgen, anstatt es einfach in die Atmosphäre abzublasen“, fragt Thomas Nowak, Generalsekretär des Europäischen Wärmepumpenverbands.
  • Die Verbreitung von per- und polyfluorierten Alkylsubstanzen (PFAS) über Luft, Wasser und Boden.
  • Die möglichen gesundheitlichen Gefahren durch PFAS-Exposition.
Von Bernd Genath
Düsseldorf
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