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Die Energiewende ist eine Mammutaufgabe

Interview mit Dietrich Gemmel, Leiter Privatkundengeschäft Deutschland bei innogy

Erneuerbare Energien, Dekarbonisierung, Sektorenkopplung, Smart Home, Digitalisierung – mit der Energiewende steht Deutschland vor großen Herausforderungen. Wie sieht man seitens der Energiewirtschaft die aktuellen Entwicklungen? Dietrich Gemmel, Leiter Privatkundengeschäft Deutschland bei innogy, gibt im Interview mit dem HeizungsJournal eine Einschätzung über das Marktgeschehen und die Rolle von innogy in der Energiewende.

Dietrich Gemmel, Leiter Privatkundengeschäft Deutschland bei innogy.
Quelle: innogy
"Wir wollen die Energiewende vorantreiben und die Menschen dafür begeistern", betont Dietrich Gemmel, Leiter Privatkundengeschäft Deutschland bei innogy.

Herr Gemmel, der Energieverbrauch steigt, wie auch die Emission an Treibhausgasen und der Strompreis für Haushalte. Wie schätzen Sie den Stand der Energiewende in Deutschland ein? Sind die angestrebten Ziele angesichts dieser Stagnation im Markt Ihrer Meinung nach überhaupt noch zu erreichen?

Die Energiewende ist eine Mammutaufgabe. Die Herausforderung eines so radikalen Systemumbaus wurde unterschätzt, die Kosten sind hoch. Anstelle einer Stagnation sehe ich aber eher eine Atempause, in der wir energiewirtschaftliche Optionen technologisch, politisch und geschäftsseitig weiterentwickeln müssen: Wir arbeiten deshalb zum Beispiel mit Hochdruck daran, wie man die regenerativen Energien besser in die Versorgungssysteme integrieren kann. Politik und Wirtschaft müssen allerdings noch enger zusammenarbeiten, deutschland- und europaweit.

Wieweit sehen Sie die Glaubwürdigkeit der Energiewende gefährdet? Wurde den Themen Versorgungssicherheit und Bezahlbarkeit bislang zu wenig Beachtung gewidmet? Und wieweit erkennen Sie bei Verbrauchern überhaupt eine Sensibilisierung für die Notwendigkeit und die Umsetzung der Energiewende?

Die Verbraucher sind durchaus sensibilisiert. Wir beobachten beispielsweise ein zunehmendes Interesse an Photovoltaikanlagen und Batteriespeichern, an Car-Sharing und insgesamt einem nachhaltigen Lebensstil. Aber es muss eine Verständigung darüber erfolgen, welche Richtung wir einschlagen und welche Wege wir gehen wollen. Unser Ansatz ist die Energiewende von unten durch lokale und regionale Lösungen. Das wird von den Verbrauchern akzeptiert.

Was wir aber beobachten, ist eine mangelnde Akzeptanz für Großprojekte. Es gibt mancherorts sogar handfesten Widerstand, etwa gegen neue Stromtrassen und Windräder. Wir brauchen aber die Akzeptanz, um den Wechsel zu einer dezentralen, digitalen und dekarbonisierten Energieversorgung zu schaffen. Das kann nur über eine breit angelegte, vorbehaltlose und interdisziplinär geführte Debatte geschehen, die Themen wie Versorgungssicherheit und Bezahlbarkeit für alle einschließt.

Allgemein gesehen – in welchen Sektoren, sprich Energieversorgung, Gebäude, Industrie, Landwirtschaft und Verkehr, sehen Sie aktuell die größten Hindernisse, aber auch die größten Chancen für eine erfolgreiche Umsetzung der Energiewende?

Die Energiewende ist derzeit mehr oder weniger eine reine Stromwende. Auf die Energiewirtschaft entfällt weniger als die Hälfte aller CO2-Emissionen. Eine Dekarbonisierung gelingt deshalb nur, wenn alle Sektoren mitziehen.

Konkret bedeutet das, dass die mit dem Ausbau der erneuerbaren Energien verbundenen höheren Strommengen auch in den Sektoren Wärme und Verkehr genutzt werden. Dafür müsste jedoch die Wettbewerbsfähigkeit des Stroms verbessert werden. Heute wird er aufgrund von staatlichen Abgaben und Steuern stärker belastet als andere Energieträger. Änderungen in der Finanzierung des EEG könnten den Kostendruck reduzieren, damit die Akzeptanz erhöhen und die Sektorenkopplung anreizen.

innogy betreibt Strom- und Gasnetze, erzeugt Strom aus erneuerbaren Energien, engagiert sich im Bereich Elektromobilität, vertreibt Solarzellen und Batterien, entwickelt Plattformen für das Internet der Dinge (IoT – Internet of Things) und vermarktet Produkte und Lösungen für intelligentes Wohnen (Smart Home). Wo sehen Sie die Rolle von innogy in der Energiewende?

Wir wollen die Energiewende vorantreiben und die Menschen dafür begeistern. Deshalb bieten wir vielfältige und praxisgerechte Lösungen auf verschiedenen Gebieten an und investieren in die regenerativen Energieträger. Dabei denken wir weiter als nur bis zur Errichtung von Windparks und dem Aufstellen von Solarpaneelen. Vielmehr beschäftigen wir uns mit der Frage, wie das Gesamtsystem in der Zukunft funktionieren kann.

Die Digitalisierung spielt in diesem System eine zentrale Rolle: Sie kann die Verteilnetze smart und sehr viel leistungsfähiger machen. Der einzelne Haushalt ist als Smart Home in dieses intelligente Netz sowohl als Verbraucher wie auch als dezentraler Erzeuger und Speicher flexibel eingebunden.

Wieweit sehen Sie die Energieversorger bereits vorbereitet auf die Energiewende? Betrachten wir beispielsweise das Thema "Gleichzeitigkeitsfaktor" im Niederspannungsnetz. Was wird passieren, wenn in einem Wohngebiet an einem Winterabend nach Feierabend alle Elektroautos zum Aufladen ans Netz angeschlossen werden?

Eine durchschnittliche Familie verbraucht gut 3.000 kWh Strom pro Jahr. Schafft sie sich ein Elektroauto an und fährt damit 14.000 km jährlich, was etwa dem Bundesdurchschnitt entspricht, wird sich der Strombedarf dieses Haushalts fast verdoppeln – bei dieser Rechnung habe ich einen realistischen Verbrauch von 20 kWh pro 100 km angesetzt. Der massenhafte Durchbruch der E-Mobilität wäre folglich eine Herausforderung für das Niederspannungsnetz, das auf diese Lasten nicht vorbereitet ist.

Aus unserer Sicht ist diese Entwicklung netz­seitig aber dennoch beherrschbar, denn es wird nicht alles auf einmal und nicht alles gleichzeitig passieren. Ein wichtiger Schlüssel ist die Vermeidung von Gleichzeitigkeit. Daher ist es aus unserer Sicht entscheidend, dem wachsenden Bedarf neben dem konventionellen Netzausbau insbesondere mit intelligenter Technik zu begegnen.

So könnte man zum Beispiel die Ladezeiten der Elektroautos über die ganze Nacht verteilen. Der Nutzer hat keinen Nachteil – er hat morgens wieder ein vollgeladenes Fahrzeug. Und für das Netz wäre das eine große Entlastung. In Forschungsprojekten haben wir das bereits erfolgreich in der Praxis erprobt.

Welche Investitionen in die Infrastruktur sind angesichts der sich wandelnden Anforderungen noch notwendig, um die Netze sowohl robuster als auch intelligenter zu machen?

Netze müssen nicht nur ausgebaut, sondern auch smarter gemacht werden. Die vorhandenen Daten müssen verknüpft und sinnvoll genutzt werden. Wir brauchen eine dezentrale Struktur in der Energieversorgung, mit einem starken Verteilnetz.

Die Energiewende kann nur bei Kopplung der Sektoren funktionieren. Doch wer übernimmt die Kontrolle und Steuerung der Sektoren?

Im Kern funktioniert die Sektorenkopplung dezentral – das heißt, der Autofahrer oder der Hausbesitzer bestimmt weiterhin selbst über seinen Energieverbrauch. Wichtig ist, dass diese komplexer werdenden Beziehungen zwischen Stromerzeugung und Verbrauch koordiniert werden.

Das kann zum Beispiel über Preissignale geschehen, die dem Verbraucher sagen, wann er viel und wann er wenig Strom verbrauchen sollte. Hier kann das Energieunternehmen den Kunden mit "smarten Produkten" unterstützen. Auch der Verteilnetzbetreiber ist gefragt, die Koordination auf lokaler Ebene zu unterstützen.

Wie stellt sich aus Ihrer Sicht der ideale Verbraucher in der Energiewende dar – mit einer Photovoltaik-Anlage auf dem Hausdach, Wärmepumpen, Strom- und Wärmespeicher im Keller, einer Ladestationen für Elektrofahrzeuge in der Garage und eine Vernetzung mit dem Smart Grid über Smart Home und Smart Meter?

Das wäre in der Tat aus unserer Sicht ein idealer Verbraucher und wir liefern ihm gerne die dafür notwendigen Produkte. Zusammen mit einem Stromvertrag bieten wir eine Komplettlösung für die Stromversorgung des intelligenten Zuhauses. Aufeinander abgestimmte Systembausteine decken die Bereiche Photovoltaik, Batteriespeicher, Elektromobilität und Smart Home ab.

Es ist die erste Gesamtlösung für Energie und Mobilität. Strom wird mit einer Photovoltaikanlage erzeugt und in einer Batterie für den Abend zwischengespeichert oder über unsere Ladebox in den "Tank" des Elektroautos geleitet. innogy SmartHome übernimmt das Energiemanagement. Dadurch lässt sich mehr Strom vom eigenen Dach direkt im Haus nutzen. Die Bausteine sind flexibel miteinander kombinierbar und bilden eine zukunftssichere Plattform für die optimierte Energieversorgung des Haushalts. Natürlich kann nicht jeder selbst Energie erzeugen. Wichtig ist es, regenerative Energie effizient zu nutzen – und dabei ist Smart Home ein elementarer Baustein im Gesamtsystem.

 Die Zentrale des SmartHome-Systems von innogy.
Quelle: innogy
Die Zentrale ist das Herzstück des SmartHome-Systems von innogy.

Die Digitalisierung und das Internet unterstützen die Entwicklung zum Smart Building. Wieweit sind dafür bereits die technischen Voraussetzungen an intelligenten, kommunikationsfähigen Produkten gegeben?

Sie sind heute schon gegeben und es gibt eine rasante technologische Entwicklung mit immer kürzeren Innovationszyklen. Es kommen beständig neue, smarte Produkte auf den Markt. Das Internet der Dinge ist ein zentraler Trend der kommenden Jahre.

Allerdings: Insellösungen bringen uns nicht voran. Wichtig sind daher übergreifende Fortschritte in der Interoperabilität und Standardisierung. Daran arbeiten wir selber aktiv mit.

Im Bereich Smart Home treten immer mehr Hersteller im Markt auf. Wie bewerten Sie Ihre Position als Energieversorger in dem Wettbewerb mit klassischen Heiztechnikherstellern wie Bosch, Vaillant oder Viessmann, mit Startups wie Thermondo oder gar mit Aggregatoren wie Apple, Amazon, Samsung oder Google?

Wir haben innogy SmartHome zu einem Komplettsystem entwickelt, inklusive Anbindung an die Sprachsteuerung Alexa von Amazon. Einer unserer Partner ist zum Beispiel auch Buderus. Mit weiteren Heiztechnikherstellern arbeiten wir im Rahmen der EEBus Initiative zusammen. Mehr und mehr Partner schließen sich mit ihren smarten Produkten unserer Plattform an. Die neuesten Kooperationen sind etwa der Gartengerätehersteller AL-KO und Medion mit dem Know-how für Hardware.

Besonders interessant ist unser innovatives Modell für Unternehmen, die ihre Consumer-Produkte mit geringem Aufwand erst einmal smart machen wollen – inklusive App zur mobilen Steuerung: Für die technische Infrastruktur und die komplette Interoperabilität sorgt die Plattform. Die hersteller- und geräteübergreifende Vernetzung über eine einzige App macht es auch für die Anwender attraktiv. Damit sind wir gut im Markt aufgestellt und bieten unseren Kunden ein zukunftssicheres System.

Weiterführende Informationen: https://www.innogy.com

Dienstag, 13.03.2018

Robert Donnerbauer
Von Robert Donnerbauer
Redaktion, Heizungs-Journal Verlags-GmbH