Mit Elektrifizierung zum „Green-Tech“-Unternehmen

Interview mit Jan Brockmann, Vorsitzender der Geschäftsführung der Bosch Thermotechnik GmbH

„Gemeinsam mit unseren Partnern unternehmen wir alles, um die Lieferzeiten möglichst kurz zu halten“, betont Jan Brockmann.

Mit einem Plus von fünf Prozent im Gesamtmarkt gegenüber dem Vorjahreszeitraum und (stolzen) 980.000 in Verkehr gebrachten Wärmeerzeugern blickt die Heizungsindustrie auf eine positive Entwicklung des deutschen Marktes im Jahr 2022 zurück. Trotz nach wie vor beeinträchtigter Lieferketten und einer hohen Auslastung des SHK-Fachhandwerks konnte das Vorjahresergebnis das dritte Jahr in Folge gesteigert werden. „Gemeinsam mit unseren Partnern unternehmen wir alles, um die Lieferzeiten möglichst kurz zu halten“, betont Jan Brockmann, Vorsitzender der Geschäftsführung der Bosch Thermotechnik GmbH und BDH-Präsident, im HeizungsJournal-Interview.

Herr Brockmann, Sie leiten seit nunmehr über zwei Jahren den Geschäftsbereich Bosch Thermotechnik und sind sozusagen mitten in der Corona-Pandemie zur Bosch-Gruppe gestoßen. Wie würden Sie diese Zeit rückblickend zusammenfassen?

Die letzten zwei Jahre waren sehr spannend, herausfordernd und letztendlich sehr erfolgreich. Wir können gemeinsam mit unseren Mitarbeitern und unseren Partnern stolz sein, wie wir die zahlreichen Krisenthemen gemeistert haben. Dabei haben wir gezeigt, dass wir systemrelevant sind und auch die daraus entstehenden Erwartungen erfüllen können. Die Energiewende ist im Heizungsraum angekommen. Daran möchten wir auch in Zukunft intensiv weiterarbeiten. Unser in der Corona-Zeit entwickelter Unternehmenszweck „Make. Home. Comfort. Green.“ ist dafür ein gutes Beispiel. Wir haben in den vergangenen zwei Jahren bewiesen, dass wir Herausforderungen als Team bewältigen können. Dafür möchte ich meinen Respekt und großen Dank an meine Kolleginnen und Kollegen bei Bosch Thermotechnik und an alle Partner ausdrücken.

Im Anschluss an den „2. Wärmepumpengipfel“ Mitte November 2022 betonten Sie, dass die deutsche Heizungsindustrie – bedingt durch die Pandemie und geopolitische Spannungen – mit gestörten Lieferketten zu kämpfen habe. Können Sie das am „Produkt Luft/Wasser-Wärmepumpe“ bitte einmal konkretisieren?

Gemeinsam mit unseren Partnern wie Lieferanten, Logistik und Fachhandwerk unternehmen wir alles, um die Lieferzeiten möglichst kurz zu halten. Wir priorisieren zum Beispiel Anlagen, die wir komplett ausliefern können, damit die Installateure diese Baustellen effizient abarbeiten können und die knappen Kapazitäten im Handwerk fokussiert bleiben.

Bei Luft/Wasser-Wärmepumpen sind die wesentlichen Engpässe bei elektronischen Bauelementen aufgetreten, die auch in vielen zugelieferten Modulen, wie zum Beispiel Pumpen, verbaut werden. Darüber hinaus führt die hohe Nachfrage zu Kapazitätsengpässen bei diversen spezifischen Bauteilen wie Modulen und Lüftern. Diese Engpässe betreffen die gesamte Branche und alle Produkte.

Glücklicherweise haben wir eine hohe Nachfrage – das sollte die Branche als Chance erkennen. Natürlich müssen wir jetzt dafür sorgen, dass unsere Kunden schnellstmöglich bedient werden. Wesentlicher Punkt, der jetzt gerade zu Wartezeiten führt, sind Auftragsüberhänge aus 2022. Insofern wird uns das Thema im Jahr 2023 erst mal weiter begleiten. Die Versorgungslage wird sich aber bessern; von daher sehen wir das aktuelle Jahr sehr positiv.

In diesem Kontext mahnten Sie damals zudem, industriepolitische Aspekte zu beachten und den Erhalt und Ausbau der heimischen Wertschöpfung und von Arbeitsplätzen in der Heizungsindustrie abzusichern. Wie kommt Bosch Thermotechnik an dieser Stelle voran?

Im deutschen Heizungsmarkt sind Wärmepumpen mit einem Plus von 53 Prozent gegenüber dem Vorjahr die prozentual am stärksten wachsende Technologie. Mit unseren Marken Bosch und Buderus konnten wir bei Wärmepumpen schneller als der Markt wachsen. Darauf haben wir die letzten Jahre hingearbeitet. Auch das restliche Geschäft entwickelt sich insgesamt sehr erfreulich. Diese Entwicklung erfordert gleichzeitig Wachstum an anderen Stellen, wie den Ausbau von Produktionskapazitäten.

In unserem Werk in Eibelshausen – übrigens der älteste Standort der Bosch-Gruppe – bauen wir derzeit zusätzliche Arbeitsplätze auf, da dort neben Warmwasser-Speichern zukünftig auch Wärmepumpen-Inneneinheiten produziert werden sollen. Auch in Aveiro (Portugal) und Tranås (Schweden) bauen wir unsere Wärmepumpen-Fertigungen und unsere Test- und Entwicklungskapazitäten aus. Zusätzlich haben wir beispielsweise auch am deutschen Standort Wernau signifikant Kapazitäten in der Produktentwicklung aufgebaut. Und im Vertrieb entwickeln wir deutschlandweit Spezialisten für verschiedene Bereiche weiter. Wir gehen einen Schritt in die richtige Richtung – die Sicherung unserer Standorte in Europa.

Bleiben wir doch noch für einen Moment beim Stichwort „Elektrifizierung des Wärmemarktes“ – sprich: bei den Produktsegmenten Wärmepumpen- und Klimatechnik. Mit welchen Strategien kann sich Bosch Thermotechnik in diesem heiß umkämpften und sehr wettbewerbsintensiven Umfeld behaupten? Welche weiteren Schritte sind geplant?

Wir sind mit Entwicklungszentren in Tranås für Nordeuropa, Wernau für Mitteleuropa sowie Aveiro für Südeuropa für den europäischen Wärmepumpen-Markt gut aufgestellt. Unsere Regionen-Strategie hat sich als sehr erfolgreich erwiesen, um auf die verschiedenen Ansprüche der Kunden mit regional angepassten Portfolios zu reagieren.

In Nordeuropa, dem reifsten Wärmepumpenmarkt, wird diese Technologie in mehr als 90 Prozent des Neubaumarktes eingebaut. Schwerpunkt ist hier die Leistungsoptimierung.

In Mitteleuropa steht der Systemgedanke im Fokus. Wir wollen insbesondere mit Wärmepumpen im Verbund mit Lüftungsgeräten sowie dem Energiemanager für optimierte Eigenstromnutzung wachsen.

Für Südeuropa ist es wichtig, das Portfolio um kostengünstige Produktalternativen zu erweitern. Daher haben wir ein Joint Venture mit Electra Industries Ltd. gegründet. Die erste Luftwärmepumpe aus dem Joint Venture führen wir seit Mitte 2022 in verschiedene Märkte ein. Wir setzen also insgesamt auf paneuropäisches Wachstum; dafür investieren wir bis 2025 rund 700 Millionen Euro in die Elektrifizierung. Die erfreuliche Entwicklung des Wärmepumpen-Segments in den vergangenen zwei Jahren bestätigt, dass wir auf dem richtigen Weg sind.

Um „Europas Haushalte zu elektrifizieren“, bedarf es nicht nur performanter Wärmepumpen, sondern vor allem vieler fleißiger Hände, die wissen, was sie tun. Wie kann die Branche einen Ausgleich schaffen zwischen der erwarteten „hohen Stückzahl“ (Stichwort: 2024) auf der einen und der gebotenen „Qualität und Seriosität bei der Installation“ auf der anderen Seite?

Die Zeit des Fachhandwerks ist begrenzt. Daher wollen wir als Hersteller unsere Partner unterstützen, ihre Zeit möglichst effizient zu nutzen. Das erreichen wir, indem unsere Produkte sich einfach und schnell installieren lassen. Diesen Punkt berücksichtigen wir bereits bei der Entwicklung neuer Produkte. Eine große Hilfe sind dabei „User Experience Sessions“ mit unseren Partnern, die uns direkt Feedback geben.

Gleichzeitig treiben wir die Modularisierung voran, damit Produkte im Baukastenprinzip kombiniert werden können. Wärmepumpen und Hybridheizungen sind Systemlösungen, hier unterstützen wir die Fachbetriebe mit entsprechenden Planungstools, mit denen sich die Systeme einfach und schnell planen lassen.

Unseren Partnern im Fachhandwerk bieten wir zudem zahlreiche Aus- und Weiterbildungen im Sinne der Energiewende an: darunter unterschiedliche Online- und Präsenz-Trainingsformate im Bereich Wärmepumpe, zunehmend Wärmepumpen-Booster-Geräte, also Wärmepumpen plus Spitzenlast-Gaskessel.

Zwei weitere Fragen zu den installierenden Marktpartnern: Gerade die Angebote rund um die Klimatechnik für Wohn- und Nichtwohngebäude sind noch relativ neu im Portfolio von Bosch Thermotechnik. Relativ „frisch“ dürften damit auch die Kontakte zum Kälteanlagenbauer-Handwerk sein. Wie nimmt man Ihre Lösungen dort an? Wie reagiert eigentlich das SHK-Fachhandwerk auf das „Wachstumsfeld Klimageräte“ – gerade nach dem „Hitzejahr 2022“?

Das Kerngeschäft der Kälteanlagenbauer liegt in Großanlagen und VRF-Systemen, die wir bereits mit unserem existierenden VRF-Produkt-Portfolio bedienen. Die neu eingeführten Single- und Multi-Split-Anlagen im privaten Wohnbereich und kleinen gewerblichen Gebäuden sind eine ideale Ergänzung dazu. Das Kälteanlagenbauer-Handwerk ist für uns eine sehr relevante Kundengruppe und wir haben schon einige Partnerschaften aufgebaut.

Zur zweiten Frage: Auch immer mehr Betriebe des SHK-Fachhandwerks erkennen die Chancen von Klimageräten als Zukunftstechnologie. Diese Lösungen beschränken sich allerdings nicht nur auf den Komfort an heißen Sommertagen. Sie werden bereits vielerorts auch im Winter als Luft/Luft-Wärmepumpe zur Unterstützung eines vorhandenen Heizsystems – zum Beispiel einer Gasheizung – genutzt. Das Potential ist aber bei Weitem noch nicht ausgeschöpft. Daher ist es unser Ziel, die Fachbetriebe weiter bestmöglich zu unterstützen.

Wagen wir nun einen Perspektiven-Wechsel: Wie schlagen sich unsere europäischen Nachbarn beim Thema „Wärmewende“? Wo gehen sie technologisch gegebenenfalls andere Wege?

Die Elektrifizierung ist ein europäisches Thema, an dem kein Land vorbeikommt. Auch Wärmepumpen mit Booster, also hybride Systeme, werden europaweit immer beliebter. Zu Recht, denn sie sind eine sehr sinnvolle Lösung für unsanierte Bestandsgebäude. Die Anschaffungskosten liegen im Regelfall unter denen einer Wärmepumpe mit vergleichbarer Leistung.

Bei unseren Nachbarn gibt es regionale Besonderheiten: Die Niederlande hat einen hohen Anteil an Gasheizungen, hier sprechen wir von circa 90 Prozent des Bestands. Die Häuser sind meist schwer zu renovieren, da die städtischen Zentren dicht besiedelt sind. Auch Fernwärmelösungen sind schwierig zu realisieren, daher ist das Interesse an hybriden Lösungen groß. Eine ähnliche Situation haben wir auch im Vereinigten Königreich. Hier entwickeln sich hybride Lösungen als ein wichtiges Instrument, um den alten Gebäudebestand klimafreundlich aufzustellen. In Frankreich ist das Heizen mit Strom viel beliebter als in Deutschland. Wärmepumpen sind dabei eine beliebte Technologie.

Herr Brockmann, Hand aufs Herz, mit welchen Technologien würden Sie „Ihr Häuschen“ heizen, kühlen, belüften, klimatisieren, mit Warmwasser und Strom versorgen, wenn Sie die freie Wahl hätten?

Ich lebe schon nach dem Motto: „Make. Home. Comfort. Green.“ Daher nutze ich die aktuelle Technik, das ist die Wärmepumpe mit kontrollierter Wohnraumlüftung, mit der ich mein Haus auch schon seit Längerem ausgestattet habe. „Home Comfort“ ist für mich im Sommer auch sehr wichtig, daher ist eine Klimaanlage für mich unverzichtbar. Mit selbst erzeugtem grünem Strom von der Photovoltaik-Anlage kann man diese auch ohne schlechtes Gewissen betreiben. Zusätzlich nutze ich aktuell noch circa 60 smarte Geräte – von Bosch Siemens Hausgeräten bis zum Bosch Smart Home. Zum Beispiel kann ich Rollläden und Lichtsteuerung optimal auf die Klimaanlage und Wärmepumpe abstimmen. Die Vernetzung des gesamten Systems ist mir dabei sehr wichtig, denn diese bietet mir neben Energieeffizienz auch einen gewissen Komfort.

Mit Elektrifizierung zum „grünen Häuschen“ – ein schönes Bild! Aber wird sich das jeder „Otto Normalverbraucher“ leisten können/wollen? Wie gelingt es, dass die Wärmewende endlich eine entsprechende Breitenwirkung erzeugt?

Wir müssen hier ein Gleichgewicht zwischen sozialer Verantwortung, Ökologie und Ökomie schaffen. Wichtig ist hier ein breites Lösungsangebot, aber auch staatliche Förderung, die die Menschen bei den richtigen Entscheidungen unterstützt.

In Deutschland sind wir hier für den Neubau schon sehr gut aufgestellt. Im Altbau haben wir mit den Wärmepumpen plus Boostern – sogenannte Hybride – eine Technologie, die sofort eingesetzt werden kann, aber noch mehr Bekanntheit und Aufmerksamkeit benötigt. Positiv ist auf jeden Fall die Förderung des regenerativen Anteils des Wärmepumpen-Boosters, das ist ein wichtiger Schritt.

Und: Wer sich heute keine Wärmepumpe oder Hybridlösung leisten kann, startet mit geringem Budget und installiert ohne großen Aufwand beispielsweise Smart Home-Thermostate von Bosch, mit denen bereits 20 bis 30 Prozent Energie eingespart werden kann.

Zu guter Letzt: Die ISH 2023 steht ja vor der Tür. Worauf dürfen sich Ihre Marktpartner und die Besucherinnen und Besucher denn besonders freuen?

Unser Highlight ist die neue Wärmepumpengeneration, die mit dem natürlichen Kältemittel Propan besonders umweltfreundlich ist. Mit dem natürlichen Kältemittel stärken wir eine zukunftssichere und nachhaltige Wärmeversorgung und gehen den nächsten Schritt in der Wärmepumpenentwicklung. Aufgrund des integrierten Schalldiffusors zählt die neue Generation auch zu den leisesten Geräten ihrer Klasse.

Buderus zeigt auf der ISH sein erweitertes Portfolio im Bereich Wärmepumpen als Systemanbieter und stellt neben der neuen Wärmepumpengeneration eine neue Luft/Wasser-Wärmepumpe fürs Heizen und Kühlen von Industriegebäuden, Gewerberäumen und öffentlichen Einrichtungen vor.

Das „Bosch@Home“-Haus zeigt alle Komponenten für das elektrifizierte und vernetzte Zuhause. Neben den neuen Wärmepumpen und dem Energiemanager finden sich Bosch-Neuheiten aus unserem „Well-being“-Portfolio, wie Luftreiniger und Infrarotheizungen, aber auch Smart-Home-Produkte wie smarte Thermostate, die weitere Einsparpotentiale der Heizung heben können.

Weiterführende Informationen: https://www.bosch-homecomfortgroup.com/de/startseite.html

Dienstag, 06.06.2023