Erdgas-Marktraumumstellung schreitet voran

H-Gas statt L-Gas – in Norddeutschland läuft die Umrüstung, in Westdeutschland ist sie gestartet.

In Düsseldorf zum Beispiel sind die ersten Anschreiben an die betroffenen Haushalte herausgegangen, dass in den nächsten Wochen und Monaten Monteure ins Haus kommen, um erste Vorbereitungen zum Wechsel von L- auf H-Gas zu treffen.

Nach dem Fahrplan der Netzbetreiber dürfte sich die Umstellung bis zum Jahr 2030 hinziehen. Vielleicht auch schneller, denn die holländische Provinz Groningen macht Druck. 80 Prozent des L-Gases in Deutschland kommen aus den Feldern dort. Nur macht die Erde den Entzug nicht mehr mit. Der Gegendruck fehlt. In der Vergangenheit hatte sich der Boden moderat abgesenkt. Nun scheint es aber bereits Frakturen im Untergrund zu geben mit Erdblöcken, die sich gegeneinander verschieben und so Erdbeben auslösen. Nach einem der schwersten der letzten Jahre, am 22. Mai 2019, mit 3,4 auf der Richterskala, klafften in etwa 1.000 Häusern Risse in den Fassaden und weitere 4.000 Schadensmeldungen gingen bei der zuständigen Bergbau-Aufsichtsbehörde ein.

Ein "Blend" wie beim Whisky

Die verängstigte Bevölkerung stemmt sich mittlerweile gegen die Exploration. Der Staat hat reagiert. Obwohl die Niederländer der größte Erdgasproduzent und -exporteur in der EU sind, wollen sie die Erdgasfelder in der Provinz Groningen spätestens 2030 schließen. Schneller geht es zum einen nicht, weil das Land selbst zu 95 Prozent mit dem heimischen L-Gas kocht und heizt und zum anderen nicht, weil Verträge unter anderem mit Deutschland existieren. Für die Umrüstung in Holland auf Erneuerbare Energien sind die Weichen gestellt. So dürfen schon seit über einem Jahr, seit Juli 2018, neue Gebäude kein Erdgas mehr in Küche und Kessel verwenden. Die Gaswärme hat damit über kurz oder lang ausgedient.

Mit einer Änderung der Lieferverträge mit den deutschen Importeuren tut man sich dagegen schwer. Einfach deshalb, weil die Versorgungssicherheit hierzulande garantiert sein muss. Die Volumina müssen fließen. Unserem Nachbarn bleibt damit nichts anderes übrig, als ein Teil seines H-Gases aus der Nordsee mit Stickstoff zu L-Gas zu verschneiden und zu den Übergabestationen in Emden und anderswo zu pumpen. Der Brennwert des Nordseegases liegt bei etwa 45 MJ/kg respektive 12,6 kWh/kg. Da Stickstoff N mit 1,8 kWh/kg ein natürlicher Inhaltsstoff des Erdgases ist, genügt es, soviel Stickstoff in H-Gas einzublasen, bis es auf L-Gas-Qualität herunterkonvertiert ist. Diesen Weg beschreiten jetzt die holländischen Exporteure.

Die deutschen Abnehmer sorgen sich selbstverständlich ebenfalls über die Erdbebengefahr. Sie suchen parallel nach Wegen, um an der georderten Menge Abstriche machen zu können. Einer der größten Holland-Kunden, die niedersächsische Gesellschaft EWE mit Sitz in Oldenburg, ist dabei, eine eigene Stickstoffanreicherungsanlage aufzubauen, um H-Gas aus norwegischen und russischen Quellen damit zu "verblenden". Diese soll in den nächsten Monaten in Betrieb gehen – für einige Jahre, bis die Umrüstung der Hausheizungen auf H-Gas abgeschlossen ist.

Ein sicheres Geschäft

Während also die missliche Lage am Groninger Feld letztlich keinen Einfluss auf den Umrüstungsfahrplan hat, weil sich die Versorger rechtzeitig um Alternativen bemühen und damit unter Umständen sogar die Aktion beschleunigen, bedroht der Mangel an Fachbetrieben die Pünktlichkeit. Die Ballungsgebiete stehen jetzt bei der Marktraumumstellung an – Beispiel Düsseldorf. Bundesweit fallen ab 2021 sechs Jahre lang 500.000 Umstellungen und mehr per anno an. Etwa 5 Mio. Gasgeräte dürften von dem Wechsel betroffen sein und gerade mal 600.000 haben ihn hinter sich – seit dem Start im Jahr 2015. Das heißt: Die Netzbetreiber suchen händeringend nach Handwerkern. Die aktuelle Zahl der qualifizierten Dienstleister reicht in keinem Fall aus, um den steigenden Bedarf zu decken. Nur wissen die Beteiligten, dass sich angesichts der vollen Auftragsbücher mit lukrativen Bad- und Heizungssanierungen der Aufruf, sich an dem Mammutprojekt zu beteiligen, keine besondere Attraktivität abstrahlt. Auf der anderen Seite bieten die Netzbetreiber als Auftraggeber ein sicheres Geschäft für die nächsten sechs bis zehn Jahre. Das sollte doch für einige Betriebe eine Perspektive sein, über die es sich lohnt, nachzudenken.

Zumal sich das unternehmerische Risiko in Grenzen hält. Einfach deshalb, weil der DVGW seine Hausaufgaben gemacht hat, nämlich unter anderem in Form der Überarbeitung des DVGW-Arbeitsblattes G 680 "Umstellung und Anpassung von Gasgeräten". Der Weißdruck dieser novellierten Richtlinie, die erstmals 2011 erschien, soll in wenigen Wochen vorliegen und damit eine Art Handbuch sein, das die Abläufe und Tätigkeiten detailgenau regelt. Der Überarbeitung war ein Forschungsprojekt zur Gasgeräte-Anpassung unter besonderer Berücksichtigung des Sonderfalls "Handwerklicher Umbau" vorausgegangen. Dieser Sonderfall bezieht sich vor allem auf Geräte, für die weder Düsen noch Brenner für die H-Gas-Qualität verfügbar sind, weil die Hersteller die Ersatzteile nicht mehr produzieren oder die Marken gar nicht mehr existieren. Die Untersuchung unterscheidet also zwischen dem Standardprozess einerseits und dem Sonderfall "keine Originaldüse vorhanden".

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Hände weg von der Bohrmaschine

Das DVGW-Arbeitsblatt G 680 präzisiert die allgemeine Vorgehensweise wie auch die für den genannten Sonderfall. Ganz besonders der zweite muss von den verschiedenen Partnern bis hin zu den Herstellern akzeptiert sein, damit mit der Installation von Nicht-Originalteilen juristisch gesehen die Baumusterkonformität nicht erlischt und aus Verbraucherschutzsicht einerseits keine Gefahr bei der Gasverbrennung besteht, andererseits aber auch ein funktionierendes Gerät mangels eines einzelnen Ersatzteils nicht gegen ein neues Gerät ausgetauscht werden muss. Im Vorfeld der Marktraumumstellung hatten diese Punkte zu erheblichen Diskussionen geführt. Die Novelle beschreibt jetzt das Machbare. Sie sanktioniert aber auf keinen Fall, in Eigenregie eine Vorsatzdüse auf den H-Gas-Durchmesser respektive berechneten Durchsatz aufzubohren.

Das generelle Schema der Marktraumumstellung nach G 680 mit den drei Stufen Erfassen, Austauschen, Kontrollieren hat sich bewährt. Die Spanne bis zwei Jahre zwischen Erfassen und Austauschen benötigen die Dienstleister, um für den Typ vor Ort anhand der etwa 20.000 Geräte in der Datenbank des DVGW das richtige Ersatzteil zu bestimmen und zu ordern. Beziehungsweise müssen es die Hersteller wissen, was auf sie zukommt und sie liefern müssen. Die Versorger benötigen ebenfalls eine Übersicht über die anstehenden Maßnahmen, um eventuell mit ein paar zusätzlichen Schiebern und Reglern ihr Netz feiner zu sektionieren. Wenn etwa von den erwarteten 160.000 Umstellungen in Düsseldorf 20.000 in einem engen Bezirk liegen, der bisher aber nicht separat versorgt wird, lohnt es sich unter Umständen, ihn vorzuziehen, vom Hauptnetz abzukoppeln und über einen zu legenden Bypass frühzeitiger mit H-Gas zu beliefern als die komplette Umstellung abzuwarten. Nach der Anpassung auf die H-Gas-Qualität folgt dann als dritte Stufe eine Stichprobenkontrolle durch DVGW-zertifizierte Firmen.

Die Polizei warnt

Eine DVGW-Zertifizierung müssen aus Sicherheitsgründen auch die Monteure vorweisen, die an den Geräten schrauben. Die Schulung bei Herstellern alleine genügt nicht. Was die Mitarbeiter im Detail wissen müssen, steht im DVGW-Merkblatt G 106 "Qualitätsanforderungen an Fachkräfte für den Gasgeräteumbau im Rahmen einer Änderung der Gasbeschaffenheit" vom August 2017.

Stichwort Sicherheit: In Düsseldorf erhalten die Kunden nicht nur von der Netzgesellschaft der Stadtwerke einen Brief mit Informationen zur baldigen Umstellung von L- auf H-Gas. Es liegt auch ein Flyer der Polizei dem Brief bei. Der trägt den Titel "Düsseldorf stellt um! Hinweise zum Schutz vor Trickbetrügern". Sie, die Trickbetrüger, entdeckten die Umstellung bereits als "Türöffner". Die Stadtwerke haben die Anlagenbetreiber ja geradezu auf ihren Besuch vorbereitet. Wenn dann eine oder zwei Personen "im Blaumann" klingeln, dürfen sie selbstverständlich eintreten, das Typenschild auf der Therme ablesen – und nebenher den Schmuck einsammeln. Also klären Polizei und Netzgesellschaft den Bürger auf: "Unsere Monteure werden sich bei jedem Besuch unaufgefordert mit einem Lichtbild-Ausweis und einer PIN-Nummer, die nur Ihnen und dem Monteur bekannt ist, ausweisen. Sie erhalten keine Rechnung und werden auch nicht vor Ort zur Barzahlung aufgefordert!" Der Flyer enthält noch weitere Hinweise zur Identifikation des zertifizierten Personals. Fälle in Norddeutschland haben gezeigt, dass Aufklärung Not tut.

Fazit

Das SHK-Fachhandwerk, gleichgültig, ob es an einer Marktraumumstellung beteiligt ist oder nicht, berühren diese drei Punkte:

  1. Warnen Sie Ihre Kunden vor Trickbetrügern.

  2. Wenn nach der Umstellung der Kunde klagt, dass seine Gastherme nicht mehr so viel leistet wie vorher, hat das nichts mit Mängeln der Installation zu tun. Das H-Gas fließt in der Regel erst bis ein Jahr nach dem Wechsel durch die neue Düse. Erst wenn das ganze Viertel umgestellt ist, ersetzt der Netzbetreiber die niederkalorische L-Qualität durch die hochkalorische H-Qualität. In diesem Pufferjahr kann das Gasgerät 15 Prozent an Leistung verlieren, da die H-Gas-Düse mit ihrer kleineren Bohrung weniger Erdgas durchlässt. Das Badewasser wird vielleicht nicht mehr so warm wie vorher. Das ist im Reklamationsfall dem Kunden zu sagen.

  3. "Mitmacher gesucht". Die Netzgesellschaften sowie der DVGW bieten entsprechende Lehrgänge an, die den Teilnehmer zur "Fachkraft für die Gasgeräteanpassung zur L-H-Marktraumumstellung" qualifizieren.

Donnerstag, 20.02.2020