Bürgerenergie: Wärme und Strom nachhaltig für die Nachbarn und sich erzeugen

Die Bürgerenergie hat sich in den vergangenen Jahren zu einem wichtigen Pfeiler der Energiewende entwickelt.

In der überwiegenden Rechtsform einer Genossenschaft verfolgen sie das Ziel einer dezentralen, konzernunabhängigen und ökologischen Energiegewinnung. Sie bieten darüber hinaus auch Anlage- und Investitionsmöglichkeiten in lokale und regionale Energieprojekte. Die Vielfalt möglicher Aktivitäten verdeutlicht der "Bürgerenergie.Atlas", den kürzlich die EnergieAgentur.NRW ins Netz stellte. SHK-Betriebe dürfen ebenfalls durchaus die Initiatoren sein.

"Das, was Greta Thunberg macht, ist eine fantastische Sache. Nur müssen wir jetzt vor unserer eigenen Haustür kehren. Sie rüttelt die globale Welt wach und was tun wir? Wir applaudieren ihr. Mit unserem »Atlas Bürgerenergieprojekte«, der bereits über 300 Musterbeispiele enthält, zeichnen wir Wege vor, wie auch der Durchschnittsbürger mit normalem Einkommen aktiv die Energiewende mitgestalten kann." Nach Uwe Burghardt, Pressesprecher der EnergieAgentur.NRW, wollen die aufgelisteten Beteiligungsmodelle unter anderem das Vorurteil wegräumen, dass nur wohlhabenden Bundesbürgern der Ertrag solcher vergesellschaftlichten Wind- und PV-Farmen, mit eingebundenen Wärmepumpen, mit Nahwärmenetzen und KWK zugutekommt. "Das sind die Profiteure des Klimawandels, hört man ja oft. Der »Bürgerenergie.Atlas« belegt, dass jedem die Tür zu solchen Beteiligungsinitiativen offensteht." Denn die Beispiele in der Landkarte beschränken sich auf Beteiligungen zwischen grob 1.000 bis 10.000 Euro. "Damit tragen sie die Bezeichnung »Bürgerenergie« zu Recht."

Informationsquelle und Ratgeber

Die Projektsammlung dokumentiert die Vielfalt von Anlagen dieser Art und bietet sich neuen Initiativen als Informationsquelle und Ratgeber an. "Es spricht neben Umweltschutz und Ertrag – Ertrag in der Regel mehr als die nullkommanull Prozent Bankzinsen – noch ein dritter wesentlicher Punkt für derartige Angebote durch Kommunen oder private Investoren. Der Widerstand gegen Instrumente, Maßnahmen und Gesetze, wie Mindestabstand Windräder, Kabel durch das Grundstück, CO!SUB(2)SUB!-Bepreisung und anderes, nimmt erheblich ab. Grüner Strom aus der Steckdose ja, Windrad in Sichtweite nein, das ist ja zurzeit die vornehmliche Haltung. In dem Moment, wo ich den Bürger einlade, einige Euro über seine eigenen häuslichen Maßnahmen hinaus in den Klimaschutz zu investieren, wird er bedeutend leiser. Das haben wir beinahe an jedem Standort erfahren. Man ist ja in dem Augenblick nicht mehr gegen die Rotorblätter in der Ferne, sondern gegen den nahen Nachbarn, der mit einem Teil seines Sparbuchs gezeichnet hat", so der Pressesprecher der EnergieAgentur.NRW.

Wenn mehrere Bürger gemeinsam eine Anlage zur Nutzung erneuerbarer Energien finanzieren oder betreiben, entsteht eine Bürgerenergieanlage. Ziel ist es, mit einem öffentlichen Beteiligungsangebot eine möglichst große Zahl an Bürgerinnen und Bürgern (aus einer Region) zu erreichen. Die Attraktivität hat sich herumgesprochen. Mehrheitlich wurden in kurzer Zeit die Ausschreibungen überzeichnet. Die Anteilseigner üben im Allgemeinen einen wesentlichen Einfluss auf die Geschäfte der Gesellschaft aus. Dies impliziert eine Sperrminorität, eher sogar einen Anteil von mehr als 50 Prozent der Stimmen.

Der "Bürgerenergie.Atlas NRW" beschränkt sich auf umgesetzte Projekte und Beteiligungsangebote. Vorhaben im Planungsstadium sind nicht enthalten. Erfasst sind Maßnahmen entlang der Wertschöpfungsketten in den Bereichen Strom, Wärme und Verkehr sowie Energieeffizienz. Die Modellpalette spannt sich von der Holzhackschnitzel-Feuerung im örtlichen Sägewerk beziehungsweise Biogas plus Kraft-Wärme-Kopplung (KWK) jeweils als Wärmequelle für das Nahwärmenetz, über Wind- und PV-Strom für die Gemeinde aus gemeindeeigenen Erzeugungsanlagen, über bürgerfinanzierte Grubengas- und Geothermie-Wärme bis hin zum gemeinschaftlich genutzten E-Auto. Der Atlas enthält selbstverständlich den Ansprechpartner bei der jeweiligen Genossenschaft, Gesellschaft oder Kommune. Die EnergieAgentur.NRW geht mit dem Atlas voran. Sie will mit der Objektzusammenstellung bundesweit Initiatoren auffordern, den Atlas für Blaupausen zu nutzen. Sie fordert Bürgerinnen und Bürger auf, sich letztlich wegen des eigenen Wohlergehens zu beteiligen.

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Vier gute Beispiele

"Bürgerenergieanlagen", betont Uwe Burghardt, "sind eines der effizientesten Werkzeuge der Energie- und Wärmewende." Im Folgenden einige Beispiele:

KlimaBrief Bochum

Der Sparbrief "KlimaBrief Bochum" der Sparkasse Bochum in Kooperation mit den Stadtwerken Bochum bot den Bochumer Bürgern die Möglichkeit einer Geldanlage zur Förderung von regenerativen Energien in Bochum. Die Höhe der Geldanlage lag zwischen 1.500 und 10.000 Euro pro Kunde. Das Gesamtvolumen war limitiert auf vier Millionen Euro. Bereits nach drei Stunden war der "KlimaBrief Bochum" ausverkauft. Die Laufzeit der Geldanlage betrug fünf Jahre bei einem garantierten Zins von 3,70 Prozent (p.a.). Die Geldanlage richtete sich an die Kunden der Sparkasse Bochum und die der Stadtwerke Bochum sowie an alle Bochumer Bürger. Zwei Monate nach dem Start des "KlimaBriefs Bochum" installierten die Stadtwerke Bochum im Stadtteil Altenbochum die erste Photovoltaik-Anlage. Die Kosten für diese Erzeugungsanlage beliefen sich auf 170.000 Euro. Weitere Projekte aus den Bereichen Photovoltaik, Biomasse, Geothermie und Grubengasnutzung befinden sich in der Planungs- beziehungsweise Umsetzungsphase.

Nahwärmenetz Altenmellrich GbR

Altenmellrich liegt am Fuß des Nordhangs des Sauerlands. Die Umsetzung dieses Projektes ruht dabei auf zwei Säulen: Säule 1 ist die Firma Gröblinghoff Biogas, die ein Satelliten-BHKW im Dorf errichtet hat, den Strom ins Netz einspeist und eine Vollversorgung der angeschlossenen Haushalte mit Wärme garantiert. Säule 2 stellt die Altenmellricher Bürgerschaft dar, die sich in Form der Nahwärmenetz Altenmellrich GbR zusammengeschlossen hat, um ein eigenes Nahwärmenetz zu errichten und sich verpflichtet, die Wärme des Satelliten-BHKWs abzunehmen.

Das Blockheizkraftwerk (BHKW) – 780 kW Strom und Wärme, 60 m³ Wärme-Pufferspeicher für tageszeitliche Schwankungen – nutzt dabei Biogas aus der Vergärung von Zuckerrüben, Mais, Gülle und Hühnermist. An das Nahwärmenetz Altenmellrich sind 63 Haushalte mittels Hauswärmeübergabestationen angeschlossen – Einsparung: 200.000 l Heizöl/Jahr.

Bürgerenergie Schmerlecke eG

Die Bürgerenergie Schmerlecke eG, etwa 40 km westlich von Paderborn, betreibt ein Nahwärmenetz und eine Heizzentrale. Im Mai 2017 ist die Installation offiziell in Betrieb genommen worden. Die Heizzentrale befindet sich auf dem Gelände des ortsansässigen Sägewerks. Der Großteil des Wärmebedarfs wird über den schon vorhanden gewesenen Holzhackschnitzelkessel des Sägewerks bereitgestellt. Brennstoff ist dabei Buchenrinde, die als Abfallprodukt anfällt. Das Netz versorgt 84 Anschlussnehmer mit Raumwärme und Warmwasser. Von der ersten Idee bis zur Inbetriebnahme vergingen sechs Jahre.

Einspar-Contracting Solargenossenschaft Essen

Insgesamt neun PV-Anlagen mit ungefähr 250 kWp besitzen die 140 GenossenInnen der Solargenossenschaft Essen eG. Mit dem Einspar-Contracting beschreitet die eG nun neue Wege. In der Vorbereitung befinden sich zwei größere Projekte zur Raumklimatisierung. Gestartet ist man mit der Umrüstung auf LED-Beleuchtung in einem Bio-Laden. Die Investition betrug 12.000 Euro, Vertragslaufzeit fünf Jahre, Einsparungen von 3.600 Euro/Jahr.

Um auf attraktive Einsparpotentiale zu kommen und Projektvolumina zu erreichen, die Energieeinspar-Contracting für kommerzielle Dienstleister interessant machen, wird meist an vielen unterschiedlichen Stellen im Gebäude optimiert. Dies macht wiederum die Projektentwicklung kompliziert und auch die Berechnung, ob sich die zugesagten Einsparungen am Ende des Jahres tatsächlich realisieren lassen. Deshalb gehen kommerzielle Contracting-Dienstleister häufig nur an Projekte mit relativ hohem Investitionsvolumen heran. Für kleinere Aufträge finden sich kaum Anbieter. Hier liegt die Chance für Bürgerenergiegenossenschaften mit ihren moderaten Renditeanforderungen. In der Beleuchtungssanierung als Einstieg hält sich das Risiko zudem in Grenzen. Die Umrüstung herkömmlicher Beleuchtung auf LED birgt enormes Einsparpotential, manchmal bis zu 70 Prozent. Zur Refinanzierung genügen in der Regel drei bis fünf Jahre. Darüber hinaus lassen sich die Einsparungen gut prognostizieren und zu anderen Verbräuchen abgrenzen.

Dienstag, 21.04.2020