Heizung und Digitalisierung gehören zusammen

Interview mit Philipp Fudickar, Leiter IoT-Programm bei der Vaillant Group.

Digitalisierung, Internet of Things (IoT), Data Mining, Big Data, Smart Meter, Smart Grids, Smart Citites, Smart Buildings und Smart Homes kennzeichnen schlagwortartig einige Entwicklungen, welche die Haus- und Gebäudetechnik im Allgemeinen sowie die Heizungs- und Lüftungstechnik im Speziellen verändert haben und in nächster Zeit wesentlich verändern werden. Technologisch ist jedenfalls eindeutig erkennbar, dass der Wärmemarkt immer stärker von vielfältigen Kommunikations-, Informationstechniken und Internettechnologien durchdrungen wird. Gründe genug, um mit dem Leiter des IoT-Programms bei der Vaillant Group, Philipp Fudickar, das Gespräch zu suchen. Im Interview mit dem HeizungsJournal erklärt er unter anderem, wie der Remscheider Systemtechnikhersteller in diesem Kontext aufgestellt ist.

Sehr geehrter Herr Fudickar, bitte geben Sie unseren Leserinnen und Lesern zunächst einen kurzen Überblick über Ihre Tätigkeiten bei der Vaillant Group.

Als Leiter des IoT-Programms der Vaillant Group bin ich für unsere IoT-Produkte – also datenbasierte Dienstleistungen – verantwortlich. Diese richten sich an verschiedene Zielgruppen: Endkunden bieten wir digital vernetzte Produkte inklusive Apps, die beispielsweise die Steuerung der Heizung über das Smartphone ermöglichen. Fachpartnern steht mit "serviceAssist" eine App zur Verfügung, die zum Beispiel ein Frühwarnsystem für die Heizung bietet und Installateure bei der Betreuung ihrer Kunden unterstützt. Unsere Geschäftskunden, wie Wohnungsbau- und Servicegesellschaften, Energieversorger oder Smart Home Entwickler, nutzen Services auf Basis von APIs (Anm.d.Red.: API = Application Programming Interface/Programmierschnittstelle), um ihren Kunden einen Mehrwert zu bieten.

Die Vernetzung und Verknüpfung physischer Geräte ("Hardware") in virtuellen Räumen über digitale Werkzeuge und Lösungen ("Software") – kurz: Internet der Dinge/Internet of Things (IoT) – ist ein starker Treiber in der Energie- und Gebäudetechnikbranche. Wie ist Vaillant hier aktuell aufgestellt und wie positioniert man sich in Zukunft? Vergangenes Jahr war ja beispielsweise zu lesen, dass Vaillant bei der Digitalisierung seiner Heizsysteme mit Microsoft zusammenarbeitet.

Unser Ziel ist, die Effizienz und den Komfort für den Heizungsbesitzer zu verbessern und gleichzeitig dem Fachhandwerker die Installation und Wartung zu vereinfachen. Seit dem Start unseres IoT-Programms im Jahr 2018 haben wir digitale Produkte entwickelt, die sich einfach und schnell nutzen lassen und einen hohen Mehrwert bieten. Unsere API-Dienstleistungen sind beispielsweise rein digitale Produkte, die in der Branche einzigartig sind und unseren Partnern ermöglichen, Verbrauchs- und Nutzungsdaten unserer Geräte in ihre Produkte und Dienstleistungen zu integrieren. Inzwischen entwickeln wir als Unternehmen viel mehr als Heiztechnik: Smarte Regler, Software, Apps und digitale Anwendungen gehören ebenso zu unserem Angebot für Fachpartner und Endkunden wie hocheffiziente Heizgeräte. Mit Microsoft haben wir einen starken Partner an der Seite, der uns eine effiziente und sichere IT-Plattform zur Verfügung stellt. Unser Portfolio an digitalen Produkten und Services werden wir weiter ausbauen.

Apropos "Schnittstellen": Der Hochlauf der Elektromobilität verändert die Anforderungen an die Verteilnetze, insbesondere wenn Spitzen durch gleichzeitiges Laden entstehen. "Deshalb wird die Bundesregierung gute Rahmenbedingungen dafür schaffen, dass die Verteilnetzbetreiber in die Intelligenz und Steuerbarkeit der Netze investieren […]", heißt es – ganz offiziell – in den "Eckpunkten für das Klimaschutzprogramm 2030" des Klimakabinetts vom September 2019. Der "smarte", vernetzte Energiemarkt ist politisch gewollt. Das heißt, die Gebäudetechnik, also vor allen Dingen auch die (regenerative) Heizungstechnik sowie die Klima- und Lüftungstechnik, sollen stärker mit der Energiewirtschaft verknüpft werden. Hierzu werden unter anderem sogenannte moderne Messeinrichtungen (MME) bzw. intelligente Messsysteme (iMSys) zwingend benötigt – nicht nur für elektrischen Strom, auch für Erdgas, Wärme etc. Was tut sich denn aktuell beim Thema "Smart Metering" auf deutscher wie europäischer Ebene?

Grundsätzlich ist europaweit viel Bewegung bei Smart Metering zu beobachten. In Deutschland hat das Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik (BSI) im Dezember 2019 die wettbewerbskritische Anzahl von drei Smart Meter Gateways zertifiziert. Der Smart Meter Rollout wird damit jetzt beginnen. In anderen europäischen Ländern, beispielsweise den Niederlanden oder Italien, laufen separate Standardisierungsprozesse.

Sprich: Das Thema "Sektorenkopplung", "integrierte Energiewende" bzw. "Konvergenz der Energienetze Gas, Wärme und Strom" rückt den Gebäudebereich und hier vor allem den Bilanzraum Heizung, Lüftung, Kühlung und Warmwasserbereitung mehr und mehr in den Fokus des politischen wie öffentlichen Interesses. Wie nehmen Sie die Diskussionen rund um die "Power-to-X"-Technologien (v.a. "Power-to-Heat", "Power-to-Gas", "Power-to-Liquid") wahr?

In den vergangenen Jahren stand das Thema "Elektrifizierung" fast synonym für die zukünftige Energieversorgung. Allerdings wird sich der Energiebedarf nicht komplett durch Elektrizität decken lassen. Ein Weg, die Klimaziele zu erreichen, kann der Einsatz von erneuerbarem Gas sein, das fossiles Erdgas ersetzt – auch im Gebäudesektor. Dazu zählt aus erneuerbarer Elektrizität gewonnener "grüner" Wasserstoff – Stichwort: Power-to-Gas. Unsere neuen, gasadaptiven Brennwertgeräte können heute schon etwa 20 Prozent Wasserstoff mitverbrennen.

Die "Digitalisierung der Energiewende", die "Echtzeit-Energiewirtschaft" und damit auch der vernetzte Wärmemarkt eröffnen, neben den Möglichkeiten bei der Verbesserung des Gebäudeenergieverbrauchs, neue Geschäftsmodelle. Welche Rolle werden Ihrer Meinung nach datenbasierte Dienstleistungen in Zukunft spielen und inwiefern partizipiert Vaillant heute schon daran (z.B. Verbrauchsanalyse, Energiemanagement oder Predictive Maintenance/vorausschauende Wartung)?

Menschen werden künftig immer stärker vernetzt sein. Bereits heute nutzen wir datenbasierte Dienstleistungen in unserem Alltag, wie Landkarten und Navigations-Services oder Fitness-Tracker. Auch die Heizung wird hier eine immer größere Rolle spielen.

Wir sehen zwei große Richtungen für datenbasierte Geschäftsmodelle: Erstens geht es um Energiemanagement, also die Optimierung des Verbrauchs. Dabei arbeiten wir an Cloud-basierten Lösungen, die unseren Kunden ermöglichen, das gewünschte Komfortlevel noch effizienter zu erreichen. Zweitens sehen wir großen Mehrwert im Bereich Service. Hier ist das Ziel, Ausfälle so schnell wie möglich zu erkennen und zu beheben oder – besser noch – zu antizipieren, damit ein Ausfall erst gar nicht auftritt.

Wir wollen unsere Partner und Kunden bei diesen Entwicklungen mit einbeziehen und sicherstellen, dass sie genau das Angebot erhalten, das sie benötigen. Im Zuge dessen beschäftigen wir uns intensiv mit der Entwicklung datengetriebener Geschäftsmodelle. Mit dem "API Developer Programme" haben wir als Unternehmen Neuland betreten: Wir bieten interessierten Partnern und Start-ups einen standardisierten Zugang zu den Daten unserer Heizgeräte. Dabei handelt es sich um ein rein digitales Produkt, das in der Branche bisher einzigartig ist. Und das war erst der Anfang.

"Digitale Heizung" ist seit einiger Zeit ein wichtiges Schlagwort in der Heizungsbranche. Wie groß ist eigentlich das Interesse seitens des installierenden Fachhandwerks an den diversen realisierbaren Vernetzungsszenarien und darauf aufbauenden datenbasierten Dienstleistungen?

Wir sind seit jeher enger Partner des Fachhandwerks und nehmen diese Rolle auch beim Thema Digitalisierung ein. Wir nehmen wahr, dass das Interesse steigt und konkrete Anwendungsfälle dazu beitragen, den Mehrwert der Digitalisierung greifbar zu machen. Im Dialog mit unseren Partnern erleben wir ein hohes Interesse, Neugier und eine große Diskussionsbereitschaft. Der Trend zur "digitalen Heizung" bietet viele neue Chancen – das haben die meisten erkannt. Generell müssen wir, meiner Meinung nach, aber weg von solchen Schlagworten und konkret werden. Es gilt zu identifizieren, wie genau wir unsere Installateure dabei unterstützen können, datenbasierte Dienstleistungen anzubieten und daraus neue Potentiale zu schöpfen.

Auf europäischer Ebene stellen wir hier deutliche Unterschiede fest: In Großbritannien, Spanien, den Niederlanden oder auch Frankreich ist der Digitalisierungsgrad im Alltag sehr hoch. Fachhandwerk und vor allem Endkunden sind hier bereits sehr affin für vernetzte Leistungen und Services.

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Inwieweit sehen Sie das installierende Fachhandwerk auf die genannten Herausforderungen der "digitalen Heizung" vorbereitet? Ist ein neues Berufsbild, nach dem Motto "Gebäudeenergietechnik", nicht längst überfällig?

Grundsätzlich sehe ich hier eine positive Tendenz. Unsere Fachpartner haben sich in den letzten Jahren sehr gut auf die neuen Herausforderungen eingestellt und nutzen zunehmend digitale Services, um ihre Endkunden noch besser zu betreuen. So werden beispielsweise Fernüberwachung, -parametrierung und -diagnose bereits genutzt. Installateure können ihre Service-Einsätze optimal planen und bei Störungen ihren Endkunden schneller helfen, weil sie beispielsweise bereits durch die Ferndiagnose wissen, welches Ersatzteil sie brauchen oder wie sich Fehler beheben lassen.

Aus meiner Sicht liegt es an uns – der Industrie – unseren Partnern im Fachhandwerk dafür intuitive digitale Werkzeuge oder Software an die Hand zu geben, die sie einfach nutzen können – sowohl im Büro als auch in Form einer App von unterwegs.

Lassen Sie uns den Blick nun auf die Konsumenten- bzw. Nutzerseite richten: Häufig ist hier von "Prosumern" die Rede. Da die Masse an Menschen jedoch in Städten lebt/leben wird, muss man davon ausgehen, dass die Mehrheit weiterhin Energie primär konsumiert statt sie dezentral zu erzeugen. Wie profitiert der "Otto Normalverbraucher" eigentlich vom vernetzten Energie- und Wärmemarkt?

Eines der kostbarsten Güter heutzutage ist Zeit. Endkunden sind es gewohnt, flexibel und rund um die Uhr online Dienstleistungen zu nutzen. Wenn bei der Heizung eine Wartung fällig ist oder eine Störung vorliegt, ist dies bisher mit etwas Zeitaufwand verbunden. Heizungsbesitzer müssen ihren Fachpartner kontaktieren, einen Termin verein-baren und sich unter Umständen frei nehmen. Ebenso muss der Installateur Zeit aufbringen, um gegebenenfalls Termine umzulegen oder den Endkunden ein weiteres Mal aufzusuchen, wenn beispielsweise ein Ersatzteil fehlt. Mit digital vernetzten Systemen wird dieser Aufwand reduziert oder entfällt komplett.

Des Weiteren lässt sich das Wohn- und Nutzungsverhalten der Hausbewohner mit Hilfe von digitalen Schnittstellen besser erfassen und die Bereitstellung von Raumwärme und Warmwasser optimal daran ausrichten. Dies verbessert die Effizienz, senkt Kosten und erhöht gleichzeitig den individuellen Komfort. So sind beispielsweise Verbrauchswerte der Anlage für den Besitzer in der Vaillant App einsehbar, die über eine digitale Schnittstelle mit der Heizung verbunden ist.

Dem "Smart Home" wird ein sehr großes wirtschaftliches Potential zugeschrieben – allein der deutsche Markt soll einer Studie von Arthur D. Little und eco zufolge bis zum Jahr 2022 auf 4,3 Milliarden Euro wachsen. Zum Vergleich: 2017 waren es 1,3 Milliarden Euro. Grundsätzliche Frage: Was verstehen Sie unter dem Begriff "Smart Home" bzw. wann ist eine Wohnung oder ein Haus denn wirklich "smart"?

Smart wird es im Energiemanagement, wenn die PV-Anlage Strom generiert und der Energiemanager entscheidet, ob mit dem Strom geheizt, das Auto geladen oder die Wäsche gewaschen wird. Meiner Meinung nach sind wir noch nicht beim Smart Home, wir sind eher beim "obedient (= gehorchenden) Home". Wir betreten gerade erst das Spielfeld der integrierten und damit smarten Lösungen. Es wird also noch ein wenig dauern, bis das Smart Home in der Breite angekommen ist.

Der Markt für "Smart Home"-Produkte, -Systeme und -Anwendungen ist mittlerweile sehr unübersichtlich. Immer mehr Anbieter tummeln sich auch rund um das Thema "Smart Heating" bzw. "Smarte Thermostate". Wie positioniert sich ein Traditionshersteller wie Vaillant in diesem Kontext und auf welche (gewerkeübergreifenden) Kooperationen baut man strategisch auf?

Seit 146 Jahren entwickeln wir unser Angebot kontinuierlich mit unseren Partnern anhand der Herausforderungen des Handwerks und der Wünsche der Endkunden weiter. Dieses Wissen und dieses Netzwerk möchten wir mit den Daten unserer Heizungen verbinden, um Digitalisierung konkret zu machen, den höchsten Mehrwert für unsere Kunden zu bieten und der beste Partner fürs Fachhandwerk zu sein.

Weiterführende Informationen: https://www.vaillant.de/

Dienstag, 19.05.2020