Wärmepakete aus der Rohrpost

Blaupause aus Zwickau für bundesweit ähnliche Quartiere

Wie kann man in einem Bestandsquartier den Umwelt- und Klimaschutz praktisch umsetzen? Um Antworten auf diese Fragen bemüht sich auf Initiative der Stadt Zwickau das Projekt „Zwickauer Energiewende demonstrieren“ (ZED). Die Bundesregierung erhofft sich von den Ergebnissen wichtige Erkenntnisse für die künftige Gestaltung der Energiewende in deutschen Städten. Sie unterstützt das Großprojekt mit 16 Mio. Euro.

Quelle: Claudio Schwarz | @purzlbaum/Unsplash

Gleich zwei Bundesministerien greifen tief in das Staatssäckel. Das für Wirtschaft und Energie (BMWi) und das für Bildung und Forschung (BMBF) erwarten sich von dem Projekt eine sozialverträgliche Blaupause für bundesweit eine Vielzahl von Quartieren und Wohnarealen. Blaupause, sowohl was die finanzielle Mehrbelastung der Mieter angeht – so wenig wie möglich – als auch die CO2-Effizienz in Richtung Klimaziele 2030. Noch steht ZED in der Phase des Ideenwettbewerbs. Der Sieger des Vergleichs der Systeme zur Energieversorgung von 800 Haushalten darf sich berechtigte Hoffnungen machen, dann auch als Leuchtturmprojekt realisiert zu werden. Die vier Jahre Vorarbeit, seit 2017, die Förderung der beiden Ministerien und die Investitionen der zwölf Partner aus Wirtschaft und Wissenschaft machen eigentlich nur Sinn, wenn die praktische Umsetzung die Theorie bestätigt.

Die Herausforderung besteht darin, die Balance zwischen den drei Aspekten energetische Effizienz, Sozialverträglichkeit und Nachhaltigkeit zu finden. Obwohl diese drei Eigenschaften beim ersten flüchtigen Betrachten in ein und demselben Schubfach liegen, stehen sie sich doch zum Teil konträr gegenüber: Eine hohe Energieeffizienz beispielsweise gilt nicht als nachhaltig, wenn sie nicht mindestens 20 oder 25 Jahre Bestand hat. Man denke nur an durchnässte Wärmedämmungen. Einer nachhaltigen, aber teuren Lösung mangelt es an Sozialverträglichkeit, wenn sie die Bewohner über einen zumutbaren Modernisierungsaufschlag hinaus belastet. Nach Möglichkeit sollte sie sich durch die Einsparungen selbst finanzieren. Das geht in der Regel nicht auf, sollte aber die Planungsrichtung eines Sanierungsentwurfs sein.

Das heißt, der Umbau einer umwelt-unfreundlichen Wärmeversorgung von älteren Wohnvierteln zu weitgehend klimaneutralen Quartieren setzt unter anderem die Akzeptanz der Bewohner voraus. Die hat das Vorhaben laut Sven Leonhardt, Projektkoordinator für das Dezernat Bauen der Stadt Zwickau, mehrheitlich: „Wir erleben viele sehr konstruktive Gespräche.“ Die sächsische Metropole hat Initiative ergriffen und sich zur energetischen Sanierung von Zonen im Stadtteil Marienthal um eine Unterstützung aus dem interministeriellen Programm „Solares Bauen/Energieeffiziente Stadt“ beworben – und sie erhalten. Etwa ein Drittel der Menschen in dieser Agglomeration sind im Renten- und Pensionsalter. Bei den Gebäuden handelt es sich überwiegend um Mehrfamilienhäuser aus den 1960er-Jahren.

Foto: Marienthal, Zwickau - Das „Leuchtturmprojekt“ ZED bemüht sich anhand des Modifizierens der Energieeffizienz, sozialen Verträglichkeit und Nachhaltigkeit darum, wie eine zukunftsfähige Quartiersversorgung aussehen sollte.
Quelle: Genath
Seit 1902 gehört Marienthal mit heute etwa 15.000 Einwohnern zu Zwickau. Der Stadtteil soll in den nächsten Jahren klimaneutral werden. Das „Leuchtturmprojekt“ ZED bemüht sich dabei anhand des Modifizierens der drei Variablen Energieeffizienz, soziale Verträglichkeit und Nachhaltigkeit um eine Antwort auf die Frage, wie eine zukunftsfähige Quartiersversorgung aussehen sollte.

Drei Variable

Rund 800 Einheiten mit teils langjährigen Mietverhältnissen sollen nach aktueller Planung klimaneutral versorgt werden. Dazu nutzt ZED eine Mischung aus Photovoltaik (PV), Geo- und Solarthermie, Speicherlösungen, smartem Software-Einsatz, Smart Home Elementen und Elektromobilität. Um das zu vermitteln, widmet sich ein Teilbereich gezielt der Einbindung der Anwohner. Die Stadt stützt sich in diesem Punkt auf die Mitarbeit der Ludwig-Maximilians-Universität München. Einer der Informationsbausteine ist das „ZED-Forum Marienthal“. In diesem Kreis treffen sich regelmäßig Forscher der Uni und andere Experten mit den Ortsansässigen, klären auf und diskutieren. Dadurch fließen die Meinungen und Wünsche der Bewohner in das Projekt ein. Die Universität hatte unter anderem Haushalte zur Akzeptanz intelligenter Smart Home Systeme befragt, wie beispielsweise intelligente Heizungssteuerungsgeräte oder eine Bedienung über Tablet oder Smartphone. Ihr Fazit steht im Projekt-Zwischenbericht: „Es zeigt sich, dass die Zustimmung der Marienthaler sehr stark von ihren Vorerfahrungen, ihrer generellen Technikaffinität, aber auch von demografischen und sozioökonomischen Faktoren abhängt.“ Die Mitarbeiter mussten auf Fragen zum persönlichen Nutzwert, zu Kosten, Komfort und Störanfälligkeit eingehen.

Weiterführende Informationen: https://www.energiewende-zwickau.de/

Dienstag, 13.07.2021

Von Bernd Genath
Freier Journalist
Einloggen

Login / Benutzername ungültig oder nicht bestätigt

Passwort vergessen?

Registrieren

Sie haben noch kein Konto? Dann registrieren Sie sich jetzt kostenfrei!
Jetzt registrieren