Wärme plus Strom plus Mobilität als Zukunftsmodell für die Wohnungswirtschaft

Im Interview: Eckhard Martin mit Professor Timo Leukefeld

Dienstag, 28.02.2017

Wenn jemand in einer Försterei groß geworden ist, dann Heizungsbauer gelernt hat und anschließend in die Forschung und Lehre gegangen ist – dann sollte er eine außergewöhnlich umfassende Sicht der Dinge haben. Und Professor Dipl.-Ing. Timo Leukefeld hat sie tatsächlich, wenn man mit ihm über die Zukunft des Bauens im Allgemeinen spricht, beispielsweise. Oder über intelligente ressourcenschonende Energiegewinnung und -nutzung im Speziellen, die zu neuen Geschäftsmodellen für die Wohnungswirtschaft führt.

Es könnte DAS Zukunftsmodell für die Unternehmen der Wohnungswirtschaft werden: der energieautarke Geschossbau mit dem „Rundum-sorglos“-Paket in Sachen Wohnen, Energie und Mobilität für die Mieter. Bei diesem Plusenergie-Projekt sind bereits viele der Ansätze Realität.
Quelle: Vaillant
Es könnte DAS Zukunftsmodell für die Unternehmen der Wohnungswirtschaft werden: der energieautarke Geschossbau mit dem „Rundum-sorglos“-Paket in Sachen Wohnen, Energie und Mobilität für die Mieter. Bei diesem Plusenergie-Projekt sind bereits viele der Ansätze Realität.

Aus der Kindheit in der Försterei in die Professur, in die Leitung der Projektgruppe „Das EnergieAutarkeHaus“, auf Regierungsebene in die Position des „Energiebotschafters“ – was haben Sie tatsächlich mitgebracht von damals, was Sie heute noch prägt?

Mitgebracht habe ich auf jeden Fall ein ganz praktisches Verständnis für nachhaltige Lösungen. Der Begriff Nachhaltigkeit an sich ist ja schon eng mit dem Forst verwoben, durch den Freiberger Oberberghauptmann Hans Carl von Carlowitz, der den Gedanken der Nachhaltigkeit auf die Waldwirtschaft übertrug. Und da ich selbst ebenfalls aus Freiberg komme, hat mich dieser Ansatz eigentlich schon von Kindheit an begleitet.

Was heißt das aber für Sie konkret, auf die Praxis übertragen?

Auf mein Fachgebiet „energetisches Wohnen“ bezogen heißt das selbstverständlich, dass wir möglichst schnell zu ­einem völlig neuen Verständnis im Umgang mit den endlichen Energieressourcen und den dazu vorhandenen Strukturen kommen und Alternativen zum Umstieg auf eine Vollversorgung durch regenerative Energien entwickeln müssen.

Professor Dipl.-Ing. Leukefeld (re.) skizzierte im Gespräch mit 
Eckhard Martin seine Vision eines ganz neuen Geschäftsmodells für die Unternehmen der Wohnungswirtschaft.
Quelle: Martin
Professor Dipl.-Ing. Leukefeld (re.) skizzierte im Gespräch mit Eckhard Martin seine Vision eines ganz neuen Geschäftsmodells für die Unternehmen der Wohnungswirtschaft.

Die Formulierung vom vollstän­digen Umstieg auf „Erneuerbare“ wird gerade von Regierungsseite wie ein Mantra ständig wiederholt. Ihre vorgesetzte Ergänzung zu den „endlichen Ressourcen und den dazu vorhandenen Strukturen“ gibt dem Ganzen aber einen interessanten Beiklang…

Die vorgeschaltete Ergänzung ist meines Erachtens unverzichtbar, weil realistisch betrachtet das eine ohne das andere gar nicht geht. Nehmen wir zum Beispiel die Beheizung von Wohnraum. Die erfolgt zu etwa 50 Prozent durch Gasheizungen. Diese Anlagen stillzulegen, um zu 100 Prozent nur noch über regenerative Ener­gien – wie Strom aus PV und Windkraft – zu heizen, ist ökologisch wie ökonomisch weder sinnvoll noch machbar. Wieso nutzen wir also nicht die vorhandene Gas-Infrastruktur weiterhin wie gehabt, aber gleichzeitig als immenser bestehender Puffer für Power-to-Gas-Erträge, gewonnen aus nur temporär oder saisonal zur Verfügung stehenden regenerativen Energiequellen?

Eine gute Frage; also: Warum nicht?

Meines Erachtens fehlt sowohl im poli­tischen Raum wie bei den wesentlichen Playern im Energiemarkt aktuell noch ein ganzheitlicher Blickwinkel. Auch, weil der Wärmebedarf zwar 50 Prozent des Gesamtenergiebedarfs ausmacht, der Wärmemarkt im Gegensatz zu Strom und Mobilität aber keine entsprechende Lobby hat. Wenn es uns aber nicht gelingt, diese drei Positionen adäquat miteinander zu verknüpfen, wird auch die Energiewende scheitern.

Am einfachsten, sollte man meinen, könnte diese angesprochene Verknüpfung in der freien Marktwirtschaft über den Faktor „Wirtschaftlichkeit“ vorangetrieben werden.

Stimmt! Deswegen habe ich zum Beispiel ein energieautarkes Haus gebaut, das sich selbst mit Wärme, Strom und E-Mobilität aus der Sonne versorgt. Es verknüpft diese drei Bereiche intelligent. Wenn ich dieses Modell, das nachweislich ganzjährig funktioniert, jetzt auf die Wohnungswirtschaft als wesentlichen Mitspieler in der Energiewende am Wärmemarkt übertrage, komme ich zu ganz neuen Geschäftsmodellen, von ­denen die Wohnungsgesellschaften genauso wie deren Mieter profitieren.

Mobilität als Serviceleistung für die Mieter, und der selbsterzeugte überschüssige PV-Strom wird so ebenfalls direkt vor Ort genutzt – in Frankfurt gibt es das Modell bereits.
Quelle: Martin
Mobilität als Serviceleistung für die Mieter, und der selbsterzeugte überschüssige PV-Strom wird so ebenfalls direkt vor Ort genutzt – in Frankfurt gibt es das Modell bereits.

Wie sieht ein solches Modell im Detail aus?

Es sieht so aus, dass im ersten Schritt der Energiebedarf, also Wärme und Strom ­eines Objektes, generell möglichst weit gedrückt wird. Das ist schon Praxis, über die gedämmte Bauweise. Im zweiten wird beispielsweise über eine PV-Anlage so viel eigene Energie erzeugt und in Strom- und Wärmespeichern vor Ort ­gepuffert, dass die konventionellen Wärmeerzeuger wie Gasheizgeräte nur noch zu seltenen Spitzenlastzeiten in Betrieb gehen. Der Wärmespeicherung kommt also ein entscheidender Stellenwert zu. Dieser hybride Betrieb ist insgesamt überaus ressourcenschonend und wirtschaftlich, selbst wenn der überschüssige PV-Strom vergleichsweise ineffizient vor Ort „nur“ zu Speicherwärme umgewandelt wird. Alternativ steht der Strom für E-Mobilität zur Verfügung oder er wird direkt in die Nachbarschaft vermarktet und stärkt so wiederum die Wirtschaftlichkeit – Ökologie und Ökonomie ­werden hier also fast schon exemplarisch zusammengeführt.

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