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HeizungsJournal-Expertentreff zum Thema "Kraft-Wärme-Kopplung"

Der 9. Expertentreff des Heizungs-Journals fand zum energie- wie klimapolitisch hochrelevanten Thema "Kraft-Wärme-Kopplung (KWK)" statt.

Was haben wir an dieser Stelle – in der HeizungsJournal-Serie "Kraft-Wärme-Kopplung (KWK)" – nicht schon alles an Zahlen, Daten und Fakten zu diesem Marktsegment veröffentlicht!

Jüngst hieß es beispielsweise in einem Artikel der August-Ausgabe: "Die Unsicherheit über die künftige Rolle in der Energiewende spiegelt sich auch im Marktgeschehen der vergangenen Jahre wider. So informiert das BAFA regelmäßig über die Zulassung von KWK-Anlagen nach dem KWK-Gesetz. […] zum einen war der Markt weiter rückläufig und zum anderen ist davon vorrangig der höhere Leistungsbereich betroffen. Nach bisheriger Erkenntnis konnten demnach die Zulassungszahlen der Boomjahre 2013 und 2014 bei weitem nicht erreicht werden. Besonders im Megawatt-Bereich wurde kaum Bewegung verzeichnet. Allein die Größenklassen der Mikro- und Mini-KWK (bis zu 50 kW elektrische Leistung) konnten sich sehen lassen, vor allem gestützt durch einen leichten Anstieg im kleinsten Leistungsbereich (bis zu 2 kW elektrische Leistung). Dies bestätigen Zahlen des BDH. Konnten die kleinen Anlagen der Mikro- und Mini-KWK den Abwärtstrend im Markt in 2017 durch einen Absatz von knapp 6.000 Anlagen wieder umdrehen, stabilisierte sich in 2018 die Nachfrage bei gut 6.000 Stück. Wobei diese Zahlen nebenbei auch verdeutlichen, dass motorbetriebene BHKW einen weiter rückläufigen Trend aufwiesen. Denn man muss berücksichtigen, dass in den vergangenen beiden Jahren das Fördergeld der KfW im Rahmen des Förder-programms 433 »Energieeffizient Bauen und Sanieren – Zuschuss Brennstoffzelle« zum Tragen kam: So wurden in 2017 über 1.500 Brennstoffzellenheizgeräte und in 2018 etwa 2.500 Brennstoffzellenheizgeräte verkauft. […]"

Aber: Die Statistik, die Zahlen und das Quantitative – das ist das eine. Das andere ist bekanntlich das Qualitative. Und gerade die geplante und installierte Qualität von Anlagen der Energie- und Gebäudetechnik, von Systemen der Technischen Gebäudeausrüstung (TGA) ist doch das (eigentlich) entscheidende Kriterium. Oder anders ausgedrückt: Der rein zahlenmäßige Absatz sagt noch lange nichts über die reale (umwelttechnische) Wirkung einer Technologie aus.

Wortwolke zum Thema Kraft-Wärme-Kopplung.
Quelle: HeizungsJournal

"Die Anlagen der Kraft-Wärme-Kopplung werden im Systemverbund zwingend benötigt, um im Betrieb schlüssige energie- und versorgungstechnische Konzepte zu realisieren. Dieses Bewusstsein muss draußen bei den Investoren geschärft werden. Wir reden hier charakteristischerweise also eher von einem projektgetriebenen Geschäft als von einem klassischen Massenmarkt", verdeutlicht Rainer Szieleit, Vertriebsleiter bei der Wolf Power Systems GmbH.

Foto von Rainer Szieleit.
Quelle: HeizungsJournal
Rainer Szieleit, Vertriebsleiter, Wolf Power Systems GmbH: "Systemisches Denken und Verständnis ist die Grundlage für erfolgreiche KWK-Projekte – unabhängig davon, ob ein Blockheizkraftwerk im privaten, gewerblichen oder kommunalen Bereich eingesetzt wird. »Systemdenken« heißt heutzutage aber beispielsweise auch, die Ladeinfrastruktur für E-Mobile integrieren zu können."

Und so kommt es, dass die Teilnehmer beim Heizungs- Journal-Expertentreff "Kraft-Wärme-Kopplung", welche hier Unternehmen repräsentiert haben, die eine sehr bedeutende Rolle im Markt spielen und deren Meinungen durchaus als repräsentativ für die KWK-Branche gelten können, mittlerweile überzeugt davon sind, dass das gesamte Thema "KWK" auf einer ideelleren Ebene bearbeitet werden muss. Und damit ist im Grunde auch eine Kernbotschaft dieses Expertentreffs schon transportiert. Nämlich: Die Kraft-Wärme-Kopplung muss raus aus dem "Mauerblümchendasein" und mutig hinein in den noch relativ jungen Garten der Energie- und Wärmewende! Selbstverständlich, und nicht zu vergessen, zusammen mit den anderen "Playern" der Branche – zum Beispiel den Anbietern aus dem (wachsenden) Wärmepumpensegment. Hier gelte es, Gemeinsamkeiten zu betonen, anstatt die Abgrenzung oder gar die offene Konfrontation zu suchen. Der Markt sei schließlich groß genug für alle – lautete eine weitere plakative Überschrift der Runde.

Die KWK spielt ihre Rolle in der Energiewende

Dass das tatsächlich so ist, bestätigen Daten des Bundesverbands der Energie- und Wasserwirtschaft e.V. (BDEW) eindrücklich: Fast die Hälfte (49,4 Prozent) der 41,7 Mio. Wohnungen in Deutschland werden mit Gas beheizt, ein gutes Viertel (26,1 Prozent) mit Heizöl, 13,8 Prozent mit Fernwärme, 2,6 Prozent mit Strom und zwei Prozent mit Elektrowärmepumpen. Den verbleibenden Anteil von 6,1 Prozent teilen sich Holz, Holzpellets, sonstige Biomasse sowie Koks/Kohle und sonstige Brennstoffe (Anm.: Daten-Stand 2017). Sprich: Der Energieträger Gas bzw. Erdgas dominiert im Heizungs-/Raumwärmemarkt – geradezu ideale Perspektiven für den Einsatz der KWK-Technologie (Stichwort: Sanierung von Mehrfamilienhäusern). Sollte man meinen.

"In der Tat sprechen diese Zahlen für sich und vermitteln selbstverständlich eine große Perspektive für unsere Branche. Jedoch sehen gerade die Wohnungsbaugesellschaften häufig nur den »Invest«, den KWK-Systeme mit sich bringen und der in aller Regel höher ist als bei konventionellen Wärmeerzeugern. Das steht natürlich als Hemmschuh im Raum", gibt Sven Mahlitz, Vertriebsleiter Energiesysteme bei der Yados Vertriebs GmbH, zu bedenken.

Foto von Sven Mahlitz
Quelle: HeizungsJournal
Sven Mahlitz, Vertriebsleiter Energiesysteme, Yados Vertriebs GmbH: "Die Hersteller von Blockheizkraftwerken halten die Lösungen für das problema-tische Szenario »Dunkelflaute« in ihren Händen. Ein Pfund, mit dem man unbedingt wuchern muss! Das Zehren von der Zukunftsvision reicht nicht – die KWK-Branche muss ihre Kraft endlich auf die Straße bringen."

"Nicht nur, dass die Regeln immer komplizierter, immer undurchschaubarer werden, auch nimmt die Bürokratie im Betrieb mit ihren Melde- und Berichtspflichten immer mehr zu. Dieser Dschungel in den Strukturen muss gelichtet und wieder vereinfacht werden. Warum macht man der KWK das Leben so schwer?", fragt Jürgen Zastrow, Vertriebsleiter bei der RMB/Energie GmbH, an dieser Stelle in die Runde und spricht damit ein weiteres Hindernis an.

"Es ist sehr schwierig, die Politik in dieser Sache zu bearbeiten", betont Heinz Ullrich Brosziewski, Vizepräsident des B.KWK, in diesem Zusammenhang und ergänzt: "Nochmal: Die Kraft-Wärme-Kopplung als technisches Prinzip muss ideeller angegangen werden! Außerdem muss man konstatieren, dass der eigentliche Transformationsprozess hin zu neuen Systemen der Energie- und Wärmeversorgung – gerade im Bereich der Wohngebäude – noch gar nicht im Gange ist. Alle Projektbeteiligten, auch Architekten, Planer & Co., müssen umdenken!"

Foto von Heinz Ullrich Brosziewski.
Quelle: HeizungsJournal
Heinz Ullrich Brosziewski, Vizepräsident, Bundesverband Kraft-Wärme-Kopplung e.V. (B.KWK): "Blockheizkraftwerke müssen in der Praxis keine »Dauerläufer« mehr sein, um wirtschaftlich betrieben werden zu können – sie sind eben ausdrücklich keine »must run«-Technik mehr. Was die Wirtschaftlichkeit der KWK zukünftig beflügeln dürfte, ist das Thema »Netzstabilisierung«. Steuerbare Leistung wird ein Wert an sich werden."

"Umdenken", das heißt an dieser Stelle, etwas zu wagen, das berühmt-berüchtigte "Neuland" zu betreten im Sinne von energieeffizienten, CO2-armen, klimafreundlichen Anlagen. Das erfordert freilich Mut zur Veränderung und den Willen, die eine oder andere eventuell vorhandene Wissenslücke aufzufüllen. Am Ende des Tages ist das aber für jeden Anlagenbauer und Fachingenieur eine sehr nachhaltige Investition in die eigene Zukunft. Dass die zu planenden, zu installierenden und zu betreibenden TGA-Systeme immer vielschichtiger, feingliedriger, komplexer und vernetzter werden, das ist nun wahrlich nichts Neues. Es gilt eben, dem mit entsprechender Aus-, Fort- und Weiterbildung zu begegnen. Ebenfalls ein bekanntes und gutes Rezept in Zeiten der "Transformation": Das Suchen, Finden und Festigen von Kooperation jeglicher Art – bestes Beispiel: der Heizungsbaufachbetrieb X, welcher KWK-Projekte mit dem E-Fachhandwerker Y erfolgreich über die Bühne bringt.

Ein solcher "Brückenschlag" – kooperationstechnische "Schützenhilfe“ für die KWK-Branche wenn man so möchte – kam aktuell vom Bundesverband Erneuerbare Energie e.V. (BEE), der hauptgeschäftlich maßgeblich die Interessen der Branchen Wind-, Solar- und Bioenergie sowie Wasserkraft vertritt. "Für eine erfolgreiche Energiewende werden KWK-Systeme auch langfristig eine wichtige Rolle spielen", betonte der BEE-Vizepräsident, Horst Seide, Mitte Juli 2019 im Rahmen einer Pressemeldung. Stellte in diesem Zusammenhang aber freilich auch fest, dass es von zentraler Bedeutung sei, den "Switch" von fossiler KWK zu einer klimafreundlichen Bereitstellung von Strom und Wärme aus erneuerbaren Energieträgern möglichst rasch in die Wege zu leiten. So unterstützt der BEE in seiner Stellungnahme zum im April 2019 veröffentlichten "KWK-Evaluierungsbericht" des Bundesministeriums für Wirtschaft und Energie (BMWi) das "darin gezeichnete Leitbild zur Weiterentwicklung von KWK-Systemen hin zu flexiblen Strom/Wärme-Systemen unter Einbindung erneuerbarer Brennstoffe und dezentraler, umweltneutraler Wärmequellen."

Dies bedinge jedoch eine gezielte Weiterentwicklung der politischen Instrumente – ein Thema, welches die KWK-Branche (leider) permanent beschäftigt; oder sollte man besser sagen: in Atem hält. Kein Wunder also, dass die Arbeitsgemeinschaft für sparsamen und umweltfreundlichen Energieverbrauch e.V. (ASUE), der B.KWK, die Deutsche Unternehmensinitiative Energieeffizienz e.V. (DENEFF) und der Verband für Wärmelieferung e.V. (VfW) ebenfalls Mitte Juli 2019 in ihrer gemeinsamen Stellungnahme zum "KWK-Evaluierungsbericht" unterstrichen: "Es muss dringend vermieden werden, die Gesetzgebung weiterhin einseitig, nur auf Stromanwendungen hin zu entwickeln. Für verdichtete, innerstädtische Bebauung, energieintensive Unternehmen und für die Nutzung saisonal gespeicherter erneuerbarer Energie ist es unabdingbar, die KWK-Technik einzusetzen, um sicher und kosteneffizient Strom und Wärme bereitzustellen. Jegliche KWK-Anlage, die heute noch mit Gasen fossiler Herkunft betrieben wird, kann ohne erheblichen Aufwand auf erneuerbare Gase umgestellt werden. Wird jedoch wegen aktueller Rahmenbedingungen die Investition in KWK-Anlagen nicht getätigt und die zugehörige Infrastruktur nicht gebaut, dann ist die später wahrscheinlich erforderliche Investition erheblich höher, wenn nicht gar unmöglich. Denn es liegen dann keine oder andere Infrastrukturen vor und die hocheffizient erzeugte KWK-Wärme kann nicht verteilt und genutzt werden."

Die KWK darf gerne Emotionen zeigen

Ja: ein regelrechtes Leid-Thema ist das Verhältnis der KWK mit der (deutschen) Energie- und Klimapolitik! Dies wurde beim Expertentreff einmal mehr klar und von den teilnehmenden Unternehmen 2G, EC Power, Kraftwerk, RMB/Energie, SenerTec, Wolf Power Systems, Yados sowie vom B.KWK entsprechend betont bzw. kritisiert. Die eingangs erwähnte "Unsicherheit" im Markt bzw. die Verunsicherung von potentiellen Investoren, die ja eigentlich auf die gekoppelte Wärme- und Stromerzeugung setzen wollen, sei ein echtes Dilemma und basiere im Wesentlichen auf der Volatilität der politischen Entscheidungen. Oder überspitzt ausgedrückt: Heute heißt es "hü" und morgen heißt es "hott".

Bild von Jürgen Zastrow.
Quelle: HeizungsJournal
Jürgen Zastrow, Vertriebsleiter, RMB/Energie GmbH: "Eine eng am individuellen Wärme- und Strombedarf orientierte Leistung des Blockheizkraftwerks ist ein entscheidender Faktor für die optimale Amortisation der Anlage. Aber nicht nur das »Glück« des späteren Betreibers muss man im Blick haben. Wichtig ist selbstverständlich auch die Installationsfreundlichkeit der Systeme für den Heizungsbauer."

Summa summarum kleben mit den beiden Themenfeldern "Absatz- und Marktzahlen" (= Herumreiten auf Statistiken) sowie "Politik" (= Herumreiten auf Paragraphen) zwei große Hemmschuhe an den Füßen der KWK-Technologie und damit an den Beinen der Hersteller, welche sich logischerweise endlich davon befreien wollen. Auch deshalb müsse die KWK im Rahmen der Öffentlichkeitsarbeit "anders" – "ideeller" eben – bearbeitet werden. Ein bisschen mehr „Emotion“ kann da ja nicht schaden! Aber was kann in diesem Kontext nun "Emotion" konkret bedeuten?

Ein durchaus adäquater Ansatzpunkt bzw. ein eingängiger Slogan ist beispielsweise: "KWK schafft Versorgungssicherheit!" Emotionen jeglicher Art rufen weiterhin auch die offenen Fragen "Was ist, wenn die Sonne nicht scheint und der Wind nicht weht?" oder/und "Was machen wir denn bei Dunkelflaute?" hervor. Auch in diesen Fällen muss die Stromversorgung schließlich gewährleistet sein. Szenarien, welche geeignet sind, das Prinzip "Kraft-Wärme-Kopplung" in der Bevölkerung und Politik sichtbarer werden zu lassen.

"Ohne Kraft-Wärme-Kopplung gibt es keine Energiewende. Gerade das gewichtige Argument »Verlässlichkeit« muss die KWK-Branche noch deutlicher in die Debatten einbringen und in konkreten Projekten zeigen, dass das keine leere Versprechung ist. Wir müssen den Menschen anhand gelebter Praxis deutlich machen, dass die Kraft-Wärme-Kopplung funktioniert – auch in Verbindung mit anderen Technologien – und dabei wirtschaftlich und flexibel einsetzbar ist", unterstreicht Cord Müller, Geschäftsführer der EC Power GmbH.

Foto von Cord Müller.
Quelle: HeizungsJournal
Cord Müller, Geschäftsführer, EC Power GmbH: "Als KWK-Branche müssen wir gemeinsam und kontinuierlich agieren, um gehört zu werden – wohl wissend, dass der dringend notwendige Perspektivenwechsel in der Energiewirtschaft noch eine ganze Zeit dauern wird. Außerdem gilt es, die Investitionen in Sachen Aus- und Weiterbildung mit Blick auf die Kraft-Wärme-Kopplung deutlich zu erhöhen."

Es gilt demzufolge, die Frage nach der Rolle der KWK in der künftigen Wärme- und Stromversorgung in den Diskussionen mit Interessierten und Investoren stets präsent zu halten, wohl wissend, dass die "Erneuerbaren" – also Photovoltaik, Windkraft & Co. – (aktuell) deutlich präsenter sind. Die KWK-Branche darf sich schlicht und ergreifend nicht in die "Fossilien"-Schublade stecken lassen. Das wäre verheerend, weil die einfache Rechnung in der Bevölkerung und Politik dann heißt: Fossile Brennstoffe und darauf basierende Technologien sind endlich und werden Schritt für Schritt durch regenerative Energien abgelöst. Das Aus für die KWK scheint damit abgemacht – basta! Die aktuell wieder einmal hochkochenden Diskussionen rund um eine "Abwrackprämie für Ölheizungen" sind ein gutes Beispiel dafür, wie "gefährlich" diese "einfachen Rechnungen" sein können. Mit einer öffentlichkeitswirksamen Kampagne wird da ein komplettes Marktsegment auf das imaginäre Abstellgleis gestellt – und damit auch ganze und gute Forschungs- und Entwicklungspfade, zum Beispiel die "Power-to-X"-Ansätze mit ihren synthetisch produzierten, klimaneutralen (gasförmigen und flüssigen) Brenn- und Kraftstoffen auf Basis von erneuerbarem Strom.

Donnerstag, 24.10.2019

Von Jörg Gamperling
Chefredaktion HeizungsJournal