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Energie- und Wärmewende in den Niederlanden (ganz konkret) umgesetzt

Quartiere holistisch-energetisch sanieren

Das industriell konzipierte Sanierungsprojekt "REnnovates“ aus den Niederlanden modernisiert Sozialwohnungen in kurzer Zeit auf Nullenergie- Standard. Die Kosten für die Investition sollen die Gebäude dabei auf Dauer selbst refinanzieren.

Die Notwendigkeit eines besseren Klimaschutzes ist weitgehend unbestritten. In Europa wurden daher ambitionierte Klimaziele bis 2030 und 2050 definiert. Offen ist nur vielfach der Weg dorthin. In Deutschland etwa wird derzeit vehement über den Ausbau der Übertragungsnetze von Nord nach Süd diskutiert, während die Frage nach einer generellen Umstellung von Energieträgern weniger im Fokus steht.

Dagegen haben die Niederlande in den letzten Jahren einige konkrete Maßnahmen für die Energieerzeugung verabschiedet. In einem nationalen Klimakonsens wurde festgelegt, bis 2030 die Förderung von Erdgas in den Niederlanden zu beenden. Mindestens die Hälfte aller Gebäude sollen bis dahin vom öffentlichen Gasnetz abgekoppelt und mit überwiegend regenerativ erzeugtem Strom versorgt werden. Bereits 2021 sollen 75 Prozent aller neuen Häuser ohne einen Gasanschluss auskommen.

Das Projekt "Stroomversnelling" – übersetzt "Stromschnellen" – kümmert sich indes darum, ältere Gebäude auf den Energieträger Strom umzustellen. Das Programm wurde von der niederländischen Regierung zusammen mit sechs Immobilienunternehmen und den vier größten Baufirmen des Landes ins Leben gerufen. Es wird im Rahmen des EU-Programms "Horizon 2020" gefördert. Ambitioniertes Ziel: Bis 2020 sollen 111.000 ältere Wohneinheiten, überwiegend typisch holländische Reihenhaussiedlungen, auf Null- bis Plusenergie-Standard modernisiert und vom Gasnetz getrennt werden.

Neben der technischen Umsetzung ist dabei ein wichtiger Aspekt, dass sich die Modernisierung auf Dauer finanzieren lässt. Damit die alten Stromnetze angesichts dieser zusätzlichen Belastungen nicht kollabieren, müssen möglichst schnell möglichst viele dieser Gebäude ihren Strom selbst erzeugen und diesen auch zum Großteil lokal verbrauchen – so ergibt das Wortspiel der "Stromschnellen" auch einen Sinn.

"REnnovates" modernisiert aus dem Baukasten

Ein "Stroomversnelling"-Projekt sorgt für Aufsehen: In dem Sanierungsprojekt "REnnovates" hat die Royal BAM Group mit acht Partnerfirmen aus ganz Europa ein System entwickelt, das die Anforderungen flächendeckend einlöst – im sozialen Wohnungsbau. "REnnovates" setzt auf eine Sanierung kompletter Wohnviertel mit einer Reihe standardisierter Maßnahmen. Die Umbauzeit beträgt aufgrund einer umfassenden Vorproduktion der eingesetzten Teile acht Tage pro Haus. Die Bewohner können dabei sogar in ihren Wohnungen bleiben.

Reihenhäuser in einem Wohnviertel.
Quelle: REnnovates
Das niederländische Projekt "REnnovates" setzt auf eine energetische Sanierung kompletter Wohnviertel mit einer Reihe standardisierter Maßnahmen. Im Bild die Reihenhäuser vor der energetischen Sanierung.

Dafür entwickelten die Royal BAM und ihre Partnerunternehmen standardisierte Komponenten: Jeweils eine neu gedämmte und mit Isolierglasfenstern ausgestattete Vorder- und Rückfassade, gedämmte Dachauflagen mit integrierten Photovoltaikzellen sowie ein "Energiemodul" mit der Photovoltaik-, Heiz- und Lüftungstechnik. Daneben werden die Häuser auch innen, etwa in Küche und Bad, renoviert – abhängig von den Wünschen und dem Budget der Immobilienbesitzer. Auf diese Weise wurden in den letzten Jahren rund 250 Häuser energetisch und baulich modernisiert.

Reihenhäuser von vorne.
Quelle: REnnovates
Die Umbauzeit der Reihenhäuser beträgt aufgrund einer umfassenden Vorproduktion der eingesetzten Teile acht Tage pro Haus. Die Bewohner können dabei sogar in ihren Wohnungen bleiben (Im Bild: Reihenhäuser nach der energetischen Sanierung).

Anpassbare Standardbauteile plus BIM

Alle Komponenten werden vormontiert geliefert und vor Ort an das Haus angebracht. Da die vielen Reihenhäuser zwar ähnlich, aber nicht identisch sind, werden die Bauelemente in der Produktion an jede Siedlung angepasst. Dafür nutzen die BAM-Planer die Methoden des "Building Information Modeling" (kurz BIM): Die Häuser werden per 3D-Scanner erfasst, so dass die Produktionsstraße die Fassaden- und Dachelemente technisch und optisch an die Form der Häuser anpassen kann.

"Durchschnittlich sind etwa 80 Prozent der Komponenten, Bauteile und Formen bei »REnnovates« standardisiert. Nur rund 20 Prozent werden pro Haus oder Siedlung individuell angepasst", berichtet Dennis van Goch, der technische Projektleiter der Royal BAM Group.

Durch ihre gedämmte Gebäudehülle sparten die Häuser rund 60 Prozent an Heizenergie ein, berichtet van Goch. Die übrige Energieversorgung erfolgt weitgehend über Solarstrom vom eigenen Dach – und das "Energiemodul". Das ist ein vormontierter Mini-Container, ausgestattet mit der kompletten neuen Haustechnik aus Photovoltaik-Wechselrichter, Stromspeicher, Wärmepumpe und Warmwasserspeicher.

Das "Energiemodul" wird am Stück geliefert, per Kran vor oder hinter dem Haus aufgestellt und dort an die zentralen Versorgungsanschlüsse angebunden. Laut BAM-Experten dauert die Installation des Moduls vor Ort rund zwei Stunden. Dann komme warmes Wasser aus dem elektrisch beheizten Wasserspeicher mit Strom vom eigenen Dach, statt aus der Gastherme.

Möglich wird die elektrische Versorgung aller Anlagen im Haus durch ein intelligentes Energiemanagement vom belgischen Konsortialpartner Enervalis, das möglichst viel Strom vom Dach in die Beheizung des Warmwasserspeichers oder in die Hausbatterie steckt, wenn er gerade erzeugt wird. Über eine Visualisierung der Energieströme sehen auch die Bewohner, wann sie mit Strom vom eigenen Dach heizen oder waschen.

Ein
Quelle: REnnovates
Das "Energiemodul" ist ein vormontierter, wartungsfreundlicher Mini-Container – ausgestattet mit der kompletten neuen Haustechnik aus Photovoltaik-Wechselrichter, Stromspeicher, Luft/Wasser-Wärmepumpe und Warmwasserspeicher

Die Grafik zeigt ein Lüftungsgerät.
Quelle: REnnovates
Lüftungsgerät

(Elektrische) Haustechnik mit EEBUS und Energiemanager

Damit sich alle Komponenten der Nullenergiehäuser untereinander verstehen, programmierten die Software-Spezialisten der Kölner KEO GmbH Kommunikationsschnittstellen auf Basis des EEBUS-Standards. Diese Vernetzungsspezifikationen verbinden alle energierelevanten Systeme und Geräte im Haus über Hersteller- und Systemgrenzen hinweg. Darüber hinaus bietet jedes Haus eine Schnittstelle zum intelligenten Stromnetz – dem "Smart Grid". Die EEBUS-Kommunikation bildet dabei eine Art unsichtbare Vermittlungsebene zwischen allen Komponenten, mit der etwa die Energiemanager-Software auf jede Komponente und deren Funktionen zugreifen kann.

Die universelle EEBUS-Kommunikation macht es möglich, dass sich etwa das Modell der Wärmepumpe je nach Größe des Hauses oder Kundenwunsch ohne großen Aufwand austauschen lässt. "Die Kommunikation zwischen unterschiedlichen Systemen und Sektoren mit EEBUS ist ein wichtiger Erfolgsfaktor für »REnnovates«", bestätigt Dennis van Goch von der Royal BAM. "Durch den offenen Standard der EEBUS-Kommunikation müssen wir uns auf keine bestimmten Systeme oder Hersteller festlegen und können künftig für jedes Projekt und in jedem Markt die optimalen Komponenten einsetzen."

Mittwoch, 14.11.2018

Von Reinhard Otter
Redaktionsbüro R.OT, Stuttgart