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Brennwertkessel sparen weniger als gedacht

Heizungsindustrie, Handwerker und Verbraucher müssen umdenken

Der Ersatz eines alten Heizkessels durch einen modernen Brennwertkessel spart deutlich weniger Energie als vielfach angenommen. Je nach ausgetauschtem Kessel variieren die typischen Einsparungen zwischen zwei und 15 Prozent. Das ist das zentrale Ergebnis eines Gutachtens, das der Bundesverband Erneuerbare Energie e.V. (BEE) aktuell vorgestellt hat. In den Vordergrund rücken demgegenüber einmal mehr fachgerecht durchgeführte Maßnahmen an der Heizungsperipherie, wie beispielsweise ein hydraulischer Abgleich, der Einsatz effizienterer Heizungspumpen oder der Einbau von Steuerungs- und Regelungstechnik.

Drei Öllachen auf Steinboden.
Quelle: Kaesler Media / https://de.fotolia.com
Es ist keine wirksame Klimaschutzmaßnahme, lediglich einen älteren, fossil befeuerten Kessel durch einen neueren auszutauschen, so der Bundesverband Erneuerbare Energie e.V. (BEE) in seinem Gutachten.

Alles klang so vielversprechend: Als nach etwa zwanzig Jahren bei den Müllers im Eigenheim der alte Niedertemperaturkessel auf Erdölbasis den Geist aufgab, stand Ersatz schnell bereit. Der Handwerker, dem die Müllers bereits seit Jahren vertrauen, empfahl einen neuen Brennwertkessel. Mit den Argumenten "erprobt, verhältnismäßig kostengünstig und wartungsarm" sprach damit auch erst einmal nichts dagegen.

Außerdem verspricht die Heizungsindustrie Energieeinsparungen in der Größenordnung von 30 Prozent, um den Geldbeutel der Müllers zu entlasten. Die Investitionen würden sich so schnell bezahlt machen. Zumal es vom Staat mit einem KfW-Investitionskostenzuschuss in Höhe von zehn Prozent noch einen "Schluck aus der Förderpulle" dazu gab.

So oder so ähnlich wiederholt sich der Müllersche Fall in Deutschland knapp 450.000 Mal im Jahr. Ausgetauscht werden dabei meist alte Konstant- und Niedertemperaturkessel. Davon stehen noch immer etwa 13 Millionen in deutschen Heizungskellern. Sie nutzen, wie Brennwertkessel auch, vor allem fossile Energieträger wie Heizöl sowie Erdgas und emittieren Millionen Tonnen klimaschädliches Kohlendioxid.

Die meisten Heizungskunden bleiben den fossilen Energieträgern beim Kesseltausch treu. Die alten Kessel werden meist durch neue Öl- oder Gaskessel ersetzt. Das Geld für das verbrauchte Erdöl und Erdgas fließt daher weiter in die Länder, aus denen die Energieträger importiert werden – unter anderem nach Russland, Saudi-Arabien und Kasachstan.

Handeln widerspricht politischen Zielen

Das wird den ambitionierten klimapolitischen Zielen nicht gerecht. Kurzfristig müssen die in den Heizungskellern erzeugten Treibhausgasemissionen deutlich weniger werden. Das bedeutet, erheblich weniger bzw. gar keine fossilen Energieträger mehr zu verbrennen. Dazu wären sowohl Investitionen in Maßnahmen der energetischen Gebäudemodernisierung als auch in Erneuerbare Energien nötig.

Warum immer noch so viele fossil befeuerte Kessel zum Einsatz kommen, hat verschiedene Gründe. Der Kessel ist sehr günstig, ebenso Heizöl und Erdgas. Die konventionelle Energiewirtschaft preist die Brennwerttechnik weitgehend unwidersprochen als klimafreundlich an und wenn es Geld vom Staat gibt – der ja immerhin das Pariser Klima-Abkommen erfüllen will – kann die Brennwerttechnik ja so falsch nicht sein. Oder doch?

Ausstieg aus dem fossilen Heizungszeitalter dringend geboten

Ohne Ausstieg aus dem fossilen Heizungszeitalter werden die Energiewende und der Klimaschutz nicht erfolgreich sein. Und die Zeit drängt. Bis spätestens 2050 muss der deutsche Gebäudebestand nahezu klimaneutral sein, heißt es im Energiekonzept der Bundesregierung. Doch der Ausbau der erneuerbaren Wärme geht so gut wie gar nicht voran. Zuletzt war er sogar rückläufig und sank 2017 von 13,2 auf 12,9 Prozent.

Es reicht daher nicht, einen angeblich effizienteren Brennwertkessel zu verbauen, der in der Praxis nicht das hält, was er in der Theorie verspricht, und weiterhin rein fossile Energieträger verbrennt. Was hilft es dem Klimaschutz, wenn der neue Kessel die gleiche Menge CO2 innerhalb von sieben Tagen ausstößt, für die der alte Kessel sechs Tage gebraucht hätte?

Es macht keinen wirklichen Unterschied. Nötig wäre stattdessen ein vollständiger Umstieg auf Technologien mit erneuerbaren Energieträgern, wie Solarthermie, Erdwärme, Holz, Biogas und andere grüne Gase oder zumindest für den Übergang eine Kombination des Öl- oder Erdgaskessels mit erneuerbarer Technologie.

Fossil befeuerte Brennwertkessel sparen weniger als gedacht

Berechnungen des Beratungsunternehmens Econsult, Rottenburg, für den Bundesverband Erneuerbare Energie zeigen, dass die von der Heizungsindustrie in Aussicht gestellten Endenergie- und CO2-Einsparungen von bis zu 30 Prozent in aller Regel nicht erreicht werden können. Denn je nach ausgetauschtem Kessel sind dafür lediglich zwischen zwei und 15 Prozent Energieeinsparung zu erwarten, so Econsult. Da weit überwiegend nicht Konstant-, sondern Niedertemperaturkessel und in Zukunft immer mehr bestehende Brennwertkessel ersetzt werden, liegen die gewichteten Einsparungen beim Austausch rein durch neue Brennwertkessel eher im Bereich um zehn Prozent.

Datenblatt verschiedener Gebäude.
Quelle: BEE
Die zu den Berechnungen herangezogenen Beispiele sind sechs Bestandsgebäude aus den 70er- und 80er-Jahren, bei denen baualterstypisch schon die ersten Sanierungsmaßnahmen durchgeführt wurden.

Durch fachgerecht durchgeführte Maßnahmen an der Heizungsperipherie, wie einem hydraulischen Abgleich, dem Einsatz effizienterer Heizungspumpen und dem Einbau von Steuerungs- und Regelungstechnik lassen sich noch einmal fünf bis zwölf Prozent der Energie einsparen. Diese Maßnahmen wären zum Teil auch ohne Kesseltausch möglich. Aber auch dann ist es kaum möglich, die häufig genannte 30-Prozent-Marke zu erreichen. In keinem der sechs von Econsult berechneten Beispielgebäuden lag sie so hoch: Die Gesamteinsparung beträgt unter optimalen Bedingungen maximal 23 Prozent – und zwar nur dann, wenn ein (inzwischen seltener) Konstanttemperaturkessel ersetzt wird.

Weiterführende Informationen: https://www.bee-ev.de

Donnerstag, 05.07.2018

Von Ulf Sieberg
Referent für Erneuerbare Wärmepolitik und Wärmewirtschaft Bundesverband Erneuerbare Energie e.V. (BEE)